In der Zeitung stand zu lesen, daß dieser Tage die österreichischen Pflegekinder hier eintrafen und derart stürmisch in Empfang genommen wurden, daß es ihnen „den letzten Stoß“ versetzen mußte. Man erzählt, die Damen haben sich um die armen Kleinen förmlich gerissen, jede wollte das haben, das den besten Eindruck machte. Auch bei armen österreichischen Kindern, die halb verhungert sind, von der Reise mitgenommen, frierend und verstört, sind solche, die durch ein hübsches Gesicht, schöne große Augen, Lockenhaar usw. auffallen. Man kann sich denken, daß jedermann lieber ein solches Geschöpf in sein Haus nimmt, als ein blasses kleines Ding mit einem Armeleutegesicht, dem das Leben einen Ausdruck von Mißtrauen, gar Tücke ins Gesicht geprägt hat. Man ist halt Phystognomiker, nicht wahr. Und wie man als kleines Mädchen die Puppen mit Mutterinstinkt behandelte, so sieht man umgekehrt in späteren Jahren leicht in solchem Pflegekind eine Art Puppe. Ich will beileibe keiner der Pflegemütter zu nahe treten, aber ich meine, wenn es ihnen so ganz tief innen nur um ein gutes Werk zu tun war, so hätte jede sich freuen müssen, wenn grade ihr das allerärmste Wurm zugewiesen worden wäre, weil das gute Werk am besten da ist, wo am meisten gut zu machen ist.
Hoffentlich schlägt der stürmische Empfang doch noch zum Besten der Kinder aus, damit nicht nur ihre Körperchen, sondern auch ihre Seelchen sich von dem Elend erholen, dem sie in ihrer Heimat ausgesetzt waren.
Nun steht eine zweite Sendung von Pflegekindern aus Österreich in Aussicht, und es wird sich darum handeln, diesmal denselben Wirrwarr und dieselbe Willkür in der Auswahl zu verhindern.
Eine mir bekannte Dame sagte mir, wie sie es machen würde, und ich finde, daß sie recht hat. Darum übergebe ich hiermit ihren Vorschlag der Öffentlichkeit.
Beim Eintreffen der Kinder sollten sich die Pflegemütter in Reih und Glied aufstellen und ihr liebenswündigstes Gesicht machen. Alsdann dürften die Kinder ihre Auswahl treffen, die ärmsten und elendesten zuerst. Der Vorschlag hat mir sofort eingeleuchtet. Wäre ich eine der Pflegemütter, ich glaube, es würde einer der schönsten Tage meines Lebens, wenn so ein blutarmes Geschöpferl, das nach tagelanger Reise plötzlich auf einem wildfremden Bahnhof ausgeladen und einer Reihe von Mutterkandidatinnen gegenüber gestellt wird, ausgerechnet zu mir Vertrauen faßte und sein mageres, kaltes Händchen schüchtern in meine Hand hineinschlüpfen ließe. Andre freilich würden eine Enttäuschung erleben, aber ihr Verdienst wäre umso größer.
Ich weiß bestimmt, daß es nicht so gemacht wird, aus allerhand sehr triftigen Gründen. Aber jener Dame meiner Bekanntschaft wollte ich die Genugtuung verschaffen, daß ihre Idee in die Öffentlichkeit kommt.