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19. Oktober 1920

Es gibt Tage, die es wert sind, daß ihr Andenken den spätesten Geschlechtern überliefert wird. So selten sind sie, und so wunderbare Geschenke des Himmels. Schreckenstage kommen von selbst in den Kalender, warum soll man darin nicht auch den schönen Tagen einen Platz einräumen, auch wenn sie an keine Denkmaleinweihung, keine gewonnene Schlacht, kein Jubiläum erinnern?

Sonntag war ein solcher Tag. Merkwürdig als der letzte einer langen Reihe ähnlicher Tage. Daß man am 17. Oktober 1920 hoch oben in den Weinbergen auf dem nackten Boden sitzen und picknicken konnte, ohne Mantel, mit dem herrlichen Blick ins Moseltal, kann man sicher als Merkwürdigkeit seinen Kindskindern erzählen. Dabei schien nicht einmal die Sonne, und es wehte eine muntere Nordostbrise. Aber niemand dachte ans Frieren, die Luft hüllte einen mit Milde ein, man war unterm freien Himmel zuhaus, wie zur schönsten Sommerzeit. Und es war nur noch dreizehn Tage bis Allerheiligen! Die Sonne war wie eine gütige Mutter, die ihre Kinder langsam der Brust entwöhnt.

Es war der letzte Tag in der Reihe der gesegneten Oktobertage 1920. Abends um halb neun Uhr tanzte ein Wirbelwind durch die Straßen und meldete: Jetzt ist Schluß, macht, daß Ihr heimkommt! Und schon vor Mitternacht rauschte der Regen, und die Menschen in ihren Häusern dachten plötzlich an ihre Regenschirme, ob sie auch noch ganz und gebrauchsfähig seien seit dem letzten Mal, und dachten an ihre Öfen, die sie jetzt wohl würden anstecken müssen. Und als sie morgens zum Fenster hinaus sahen, fühlten sie sich weltenweit von dem letzten lauen Oktobersonntag und freuten sich, daß sie ihn so weise und bedachtsam ausgekostet hatten. ......

In sanfter Neigung senkten sich die Weinberge zur Mosel hinunter, da und dort schimmerte über die grünen Rebstöcke ein weißes oder buntes Kopftuch, ein schlanker Bursch trug eine gefüllte Hotte vorbei, und unsichtbare Winzerinnen sangen zweistimmig: Sah ein Knab ein Röslein steh’n. Man rief Bravo und klatschte Beifall, und die Winzerinnen sangen andere schöne Volkslieder, mit schlichtem Ausdruck und in reiner Stimmung. Es waren, wie der Winzer sagte, Leserinnen von drüben.

Warum müssen junge Mädchen von drüben kommen und uns etwas vorsingen? Und warum singen sie: Sah ein Knab ein Röslein steh’n - und nicht: Ja ja ja, ’s ist traurig, aber wahr? oder sonst eines der Greuel, die jetzt hier im Schwang sind? Können sie in unsern Dörfern heute auch nur den Malbrough oder «Au clair de la lune», die zur Zeit unserer Kindheit Gemeingut waren und sicher zu dem schönsten gehören, was die Volksliedliteratur aller Länder und Zeiten hervorgebracht hat? Ein Männergesangverein ist ja auch schön, aber zwei frische Mädchenstimmen, die draußen an einem freundlichen Herbsttag im Weinberg ein altes Volkslied singen, bedeuten mehr ursprüngliche Schönheit, als ein Chor von achtzig Männern, die eine Schlacht oder einen Sturm oder Glockengeläute oder noch knifflichere Geräusche mit ihren Stimmen nachahmen wollen.

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    Katalognummer BW-AK-008-1749