Original

26. Oktober 1920

Der Volksmund ist ein bequemer und launischer Geselle. Er wird für allerhand Unsinn als Kronzeuge zitiert, aber wenn man der Sache auf den Grund geht, findet man immer jene Eigenschaften: Gemächlichkeit und Laune als Grundlage.

Einmal ist er aufs Vereinfachen aus, zerbricht,, nach einem Ausspruch von Alban Stolz, dem Wort alle Knochen im Leib, wie die Schlange dem Huhn, um es mundgerechter zu machen, ein andermal setzt er ihm künstlich Härten und Knochen ein. Aus Bondorf z. B. macht er Bungeref, weil ihm das „nd“ und das „orf“ zu anstrengend sind, und umgekehrt macht er aus „Vokanz“ „Wochganz“, weil er dem Wort eine Bedeutung geben will, das es in seiner lateinischen Abstammung für ihn, der kein Latein studiert hat, nicht besitzt.

In seiner Betonung ist unser Volksmund manchmal direkt faul und bringt mühsam in zwei Bewegungen zustande, wofür andre nie mehr als eine brauchen. «Etude» sagt der Franzose und spricht dabei kurz und bündig ein geschlossenes ü, dem sich das d mit sanft auslautendem e graziös anfügt. Etü-hüt macht daraus der luxemburger Volksmund. „Ganz und gar“ sagt der Deutsche, in zusammen drei knappen Silben. Ga-unz a gu-er sagt der luxemburger Volksmund und läßt die drei zu fünf Silben auseinanderschweben. Aus Herr macht er He-er (Frisingen), aus Winkel We-enkel, woraus zweifellos Wehenkel entstanden ist.

Brasseur wird kurz und gut als Bresser luxemburgisch naturalisiert, Ulveling hingegen weitläufig als Uweldenger. Louvigny wird in dem einen Fall zu Louveleng vereinfacht, wenn es sich um den Straßennamen handelt. Die Villa Louvigny aber steht ihrem Ursprung als Villa Louveny noch viel näher. Der Straßenname war jedenfalls viel früher im Volksmund gebräuchlich, die Villa war stets mehr eine Angelegenheit der Gebildeten.

Eine der drolligsten Namenvereinfachungen, die mir für den Augenblick einfallen, ist Figgeny für Vanderweckene. Hier gibt sich die Unberechenbarkeit, mit der der Volksmund das i behandelt, voll aus. Während es im Inlaut zumeist seine Reinheit einbüßen muß, ist es im Auslaut das Mädchen für alles. Es steht für jeden beliebigen Laut und es steht sogar, wo kein Laut ist: Portmonni und Riski.

Irgend etwas muß, wie gesagt, dem Volksmund ein Wort bedeuten. Ein Salto mortale heißt bei unsern Soldaten der Supérieur, weil ihnen saut périlleux (rasch gesprochen ähnlich lautend wie supérieur) nichts sagt. Aus Gendebien hat der Volksmund Gantebeen gemacht, um wenigstens ein Bein als Anknüpfungspunkt hinein zu bringen. Andre Namen gehen den umgekehrten Weg: Aus Marianne wird Märrjänn und Mergen, und ein Mergen schreibt sich eines Tages auf französisch Mergain und Mirgain, und so kommt es, daß heute ein Vetter auf gut luxemburgisch Mergen und der andere auf ebenso gut französisch Mirgain heißt. Das hätte sich die Ahnfrau Märrjänn nicht träumen lassen.

Was dem Volksmund bequem und was ihm nicht bequem liegt, das richtet sich nicht nach Gesetz und Regel. Er macht ruhig aus Procès verbal Prossevelbar und aus Messager Maschassi, aber ebenso volkstümlich ist es, wenn umgekehrt z. B. die Wirtsfrau in den «28 jours de Clairette» zur Freude des Publikums Duchesse in Dussèche verdreht.

Kürzlich sprach ich mit einem Mann aus dem Volk, der sehr häufig das Wort ipsbeliebig gebrauchte. Ich machte ihn darauf aufmerksam, daß es xbeliebig heißt. Er lachte mich aus. Es wisse doch jedes Kind, daß man ipsbeliebig und nicht ixbeliebig sage. Ich belehrte ihn gütig mild, daß xbeliebig aus der Algebra komme, wo man mit x eine unbekannte Größe bezeichne. Mit x Nüssen z. B. sei eine unbestimmte, beliebige Zahl von Nüssen gemeint. Da schlug er sich wiehernd auf den Schenkel und sagte: „Aha! Also wenn einer X-Beine hat, so hat er nicht zwei Beine. sondern eine beliebige Zahl von Beinen! Ipsbeliebig, Sie sehen, daß Sie unrecht haben.“

Ich sah wirklich ein, daß sich das Volk nicht über den Mund fahren @ und ich gab es auf.

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    Katalognummer BW-AK-008-1755