„Ich habe zuhaus ein Graduale und ein Missale“, sagte mein Freund, der rabiate Gottesleugner und ästhetische Feinschmecker, „und manchmal setze ich mich still in eine Ecke und singe die alten Weisen für mich hin. Jede Stimmung in mir findet einen Widerhall in diesen Klängen, die durch Jahrhunderte zu uns heraufkommen und von uns fort wieder in die Jahrhunderte klingen. Ob ich froh bin oder traurig, trotzig oder verzagt, siegreich oder demütig, immer finde ich eine Weise, die meine Seelenschwingungen schwesterlich fügsam begleitet. Te Deum laudamus oder Modo reddo tibi animam meam. Ob ich in Gedanken auf Gräbern stehe und In paradisum deducant te angeli summe - versuche, wie dir diese sieben letzten Silben so weich auf der Zunge zergehen! - oder ob ich in gleißender Junisonntagsvormittagssonne über blumenbestreute Dorfstraßen ziehe, um mich herum flackernde Kerzenflämmchen, wehende Mädchenschleier, Ackerblumendüfte, Schellengeklingel und Glockengeläute, und dabei mit der glorreich ansteigenden Weise des Pange lingua mich hinaufschwinge und in Licht zerfließe - immer ist mir diese Vertonung auch eine brünstige Steigerung meines Empfindens.“
„Musik hat es an erster Stelle mit Reminiszenz zu tun“, sagte ich. „Reminiszenz in weitestem Sinn. Es braucht sich nicht um Ähnlichkeit der Tonreihen zu handeln. Aber am süßesten gehen uns die Melodien oder Akkorde ein, bei denen sich die Gräber der Erinnerung öffnen.“
Hier sah ich es hinter den Brillengläsern in seinen Augen zornig blitzen.
„Erinnerung! Ach ja! Was haben sie daraus gemacht, du lieber Herrgott! Ja, das war uns ein Gemeingut aus Kindheitstagen, der feierlich süße Nachklang aus den Jahren, wo uns die einzige Schönheitsoffenbarung für unsre Kinderseelen aus der Raffiniertheit der katholischen Liturgie kam. Wir setzten all jene Weisen, Psalmen und Antiphone und Hymnen gleich mit dem heitern Glück jener unbeschwerten Kindheitstage. Das war die Reminiszenz, du hast Recht. Aber dieses Erinnerungsglück blüht uns heute nicht mehr von selbst aus der @, wir müssen es uns privat im heraufbeschwören, so gut wir können. Wenn es uns heute passiert, daß wir um die beginnende Kirschenzeit, von Heuduft umschwebt, irgendwo da draußen sitzen und die Orgelklänge und der Männerchor aus einer Dorfkirche strömen aus der nahen Kirche gedämpft in den milden Abend, dann merken wir, wie wir um einen alten Schatz betrogen sind. Das ist nicht mehr das Pange lingua unserer Kindheit, es ist eine preziös verballhornte Weise, die grade noch gut genug ist, uns ein paar Takte mitzulocken, um uns enttäuscht in die Irre zu leiten. Früher war das ein frisch fromm fröhliches Einherschreiten, ein mächtiges Aufwärts, eine gesunde Klarheit. Heute wird die Melodie sentimental umgebogen, sie kokettiert mit allerhand verzichtenden Molltönen, sie ist krank geworden. Wo sie früher sieghaft emporstrebte, läßt sie auf einmal den Kopf hängen und tut zimperlich und läßt sich erschöpft zu Boden sinken, wie ein alter Rückenmärkler. Denkst du noch an das schöne alte Alma Redemptoris mater! Das schwang sich hinauf, in himmelstürmenden Sätzen und rauschte hin und wieder, wie Brandung. Und das alte Te Deum! Als wollte es die Kirchengewölbe sprengen! Ein Glück noch, daß sie den alten klassischen Litaneien nichts anhaben konnten. Die sind dieselben geblieben in ihrem einfach schönen Aufbau, klassisch in ihrer Art. Ich bin überzeugt, die Seelen derer, die nach uns kamen, sind durch die Charakterlosigkeit des heutigen Chorals angekränkelt.“
Ich gab ihm Recht.
Aber das Schlimmste ist nun, daß die jüngeren Geschlechter mit diesen Gesängen ihrerseits aufgewachsen sind und es als einen Diebstahl betrachten könnten, wenn nun die alten Singweisen wieder eingeführt würden.
Das ließ er nicht gelten.
„Ich bin sicher, die alle würden es empfinden, wie man das Hinaustreten aus einer schwülen Weihrauchatmosphäre in frische Luft empfindet.“
Aber die Gefahr ist wohl ausgeschlossen, daß das Alte wieder das Neue verdrängen könnte. So gut es ausgeschlossen ist, daß unsre Pastoren und Kapläne sich wieder den Zylinder aufstülpen, dem nur Herr Flammung aus Mondorf treu geblieben ist.