Original

18. Oktober 1919

Doch, es gibt noch Arbeiter, die arbeiten. Sie haben Unrecht, Sich unter jedem Arbeiter einen Mann vorzustellen, der hinter einer roten Fahne marschiert und eine Forderung hochhält. Es gibt noch Arbeiter, die arbeiten.

Ich hörte, während ich schlaflos dem Morgen entgegenspintisierte, draußen ein Geräusch. Es war um die Stunde, wo aus der Finsternis helle Streifen und Vierecke herauszuschimmern beginnen, wo sich der Raum betont, wie ein Negativ im Entwickler. Das Geräusch war nicht eines der gewohnten Geräusche, wie sie in der Nacht aufstehen und zurücksinken: Ein Lokomotivpfiff, das Schnarchen eines Autos, Pferdegetrappel, Hundegebell, der Schlag einer Turmuhr, der Singsang Betrunkener oder das Stöhnen des Windes. Es klang wie harter, trockner Tropfenfall. Und es war ein Schleifen hin und her im Dunkeln. Da stand ich auf und sah aus dem Fenster. Die Holzschnitter waren an der Arbeit. Ihre Traghotten, die wie Geweihe aussahen, standen herum, und zu ihren Füßen lagen schon Haufen der kurzen Scheite mit ihren weißen Schnittflächen. Ich sah einem von ihnen zu: Einem untersetzten Mann mit einem schwarzen Haarwuchs so dicht, wie ein Hundefell, und wuchtigen Schultern. Er zog die Säge und wiegte sich dabei so geschmeidig in Knie und Hüste, daß man denken mußte, die Arbeit, das Spiel der Muskeln in einem vertrauten Rhythmus sei ihm eine Lust.

Er war der Führer der Gesellschaft, der Chef der Firma. Ich frug ihn später, was sie beim Holzschneiden verdienten. Er nannte mir den Preis pro Korde und entschuldigte sich, weil es so viel sei. „Aber sehen Sie, wir müssen uns unsere Teuerungszulage selbst herausschinden, vom Staat bekommen wir keine, wir können nicht die vorgeschriebene Zahl von Arbeitstagen nachweisen, weil wir keine zwei Wochen nacheinander an derselben Stelle arbeiten. So müssen wir halt sehen, daß uns die Kunden unsere Zulage bezahlen.“

Er hatte von seinem Standpunkt recht. Er und seine Kameraden sind keine politische Macht. Sie können nicht zu Kammer und Regierung sagen: Wenn Ihr uns nicht zu Willen seid, stimmen wir Euch das nächste Mal unter den Tisch. Ihre Losung heißt: Hilf dir selbst, so braucht dir die Regierung nicht zu helfen!

Sie sind die Arbeiter tout court. Sie haben ihren Namen von der Arbeit.

Sie sind die Individualisten der Arbeit. Sie sind mit der Arbeit nicht verheiratet, sie ist ihnen nicht die gemächliche Ehehälfte, mit der sie jahraus jahrein zusammen leben - immer dieselbe - sie leben mit der Arbeit in freier Liebe. Sie verekeln sich nicht an ihr durch die Eintönigkeit eines Fabriktagewerks, und sie haben auch noch nie daran. gedacht, den Achtstundentag in ihrem Betrieb einzuführen. Sie haben eine Spezialität: Keine Spezialität zu haben. Sie schneiden heute Holz, morgen helfen sie bei einem Umzug, oder machen Obst ab oder laden Güterwagen aus usw. Sie lauern der Arbeit auf, und wenn sie kommt, stürzen sie sich drauf und hauen und stechen, walken und kneten bis von der ganzen Arbeit nichts mehr übrig bleibt, als eine Hand voll Geld, ihr Tagelohn.

Das sind von den Arbeitern, die heutzutage noch arbeiten. Sie tun es, weil sie auf sich gestellt sind, weil ihnen das Gefühl der Verantwortung im Blut steckt. Ich glaube, die Menschheit muß sich doch wieder mit einem Tröpfchen des guten alten individualistischen Öles salben, anders geht’s nimmer.

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    Katalognummer BW-AK-007-1509