Original

9. Dezember 1919

Lieber Korrespondent, Winzer, Steinbrecher,

Kalkbrenner, Jägersmann und Wormeldinger!

Also Sie erzählen mir eine Geschichte und wollen, daß ich sie meinerseits meinen Lesern erzähle.

Das laß ich bleiben, Sie werden gleich hören, warum. Lieber gebe ich Ihnen selbst das Wort. Also Sie schreiben:

„Auf einer Jagdtour in Deutschland komme ich in eine Woinschenke und fordere mir vom Wirt ein Gläschen Wein. Ich hatte alles bei mir, bloß kein deutsches Geld. Der Wirt, ein Bekannter von mir, war paff, als ich zur Bezahlung zwei Franken anbot. „Ja,“ sagte er, „was mache ich jetzt mit Dir?“ Ich sagte: „Steck sie ein, dann sagen wir, es ist gut.“ Das Gläschen kostete aber 2 Mark 50 Pf. „Nein,“ sagte er, „das kann ich doch von Dir nicht begehren,“ und er gab mir 2 deutsche Mark zurück. „Nimm hin,“ sagte er, „ich gewinne jetzt noch genug an Dir.“ Das kann man auch ein Zeichen der Zeit nennen.“

Also, lieber Wormeldinger, Jägersmann, Kalkbrenner, Winzer, Steinbrecher und Korrespondent, die Geschichte hat mir eine außerordentliche Freude bereitet. Erstens an und für sich, und zweitens weil es zum drei und zwanzigsten Male war, daß sie mir erzählt wurde.

Und natürlich immer von dem, dem sie passiert war. Und es war jedesmal ein andrer.

Ihnen glaube ich unbedingt, daß Sie dies Erlebnis hatten. Vielleicht war noch ein andrer im selben Fall, vielleicht waren es zwei oder drei, aber niemals drei und zwanzig. Und dabei rechne ich alle die nicht mit, die die Geschichte noch in petto haben und sie mir eines Tages versetzt hätten, wenn ich heute nicht ein Ende machte, trotzdem sie ganz sicher nie jenseits der Mosel auf Jagd in einem Dorfwirtshaus eingekehrt waren.

Man sollte sich fremde Geschichten nicht so gewissenlos aneignen. Ein Mann, der eine gute Geschichte erlebt hat, wird dadurch in seiner Persönlichkeit bereichert. Wenn er sie erzählt, rückt er in eine besondere Beleuchtung, und einer, der sich an seine Stelle setzt, usurpiert damit einen Teil, gewissermaßen eine Ausstrahlung seiner Individualität. Jeder ist nicht dazu gemacht, daß er als Held einer Geschichte eine gute Figur macht. Es gehört dazu die Veranlagung zur Popularität. Der Mann, der im Mittelpunlt der Geschichte steht, gibt ihr die Färbung. Darum werden alle Geschichten einer besondern Gattung letzten Endes immer derselben Person zugeschrieben. Solche Personen waren und sind z. B. Münchhausen, Mikösch, der Doktor Alesch, der alte Blücher, der Klensche Babert usw. Da stellt sich jeder gleich etwas darunter vor. Das lasse ich mir gefallen.

Aber wenn jemand, um sich interessant und seine Erzählung aktual zu machen, sich an die Stelle eines andern setzt, so ist das ein künstlerisches Vergehen. Denn jede gute Geschichte ist ein Kunstwerk. Man sollte jedem seine Geschichten lassen. Eine gestohlene Geschichte ist dasselbe, wie eine gestohlene Banknote. Nur daß man sich nichts dafür kaufen kann.

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    Katalognummer BW-AK-007-1551