Kürzlich war ich im Haus einer befreundeten Familie, weit draußen auf dem Land in einer Gegend, wo der Wellenschlag des Verkehrs nur in leise auszitternden Ringen manchmal hindringt.
Sie wissen ja, wie man bei solchen Gelegenheiten, wenn man längere Zeit nicht mehr in der wohlbekannten Stube war, sich neugierig umblickt, ob man nichts Neues entdeckt. Ich hatte sofort heraus, daß da zwei neue Bilder hingen, Gruppenaufnahmen der Familie. Ich nahm sie von der Wand und betrachtete sie mit Interesse, denn sie unterschieden sich vorteilhaft von den gewöhnlichen Aufnahmen der Fachphotographen einer- und der Dilettanten andrerseits. Sie waren freier, künstlerischer angeordnet, als die meisten Gruppen der ersteren, aber auch fachmännisch sicherer, ich möchte sagen ergiebiger, als die meisten Gruppen, die von Amateuren aufgenommen sind. Kurzum, es waren Bilder, auf denen die Personen sich zwanglos und ihrem Wesen entsprechend gaben, in gut gruppierten Stellungen. Dabei waren die Bilder handwerklich, technisch musterhaft.
Ich suchte nach dem Firmenaufdruck und fand keinen. Auf meine Frage sagte mir der Hausvater, die Bilder seien von dem Lehrer aus dem nächsten Dorf angefertigt, der sich viel mit Photographie abgebe und es zu einer großen Kunstfertigkeit gebracht habe.
Ich beglückwünsche hiermit diesen Lehrer zu seiner Tätigkeit als Lichtbildner. Es ist schon ein Verdienst, daß er die Stuben seines Dorfes mit wirklich guten Photographien bevölkern hilft. Jeder kennt die Greuel, die draußen an die Wände gehängt werden unter dem Vorwand, sie sähen diesem oder jenem Familienmitglied ähnlich und von denen die meisten aus Amerika stammen. Warum soll die Photographie nicht jedem Bild eine dem Dargestellten entsprechende Eigenart aufprägen? In der Stadt, wo sich während der Oktav und Schobermeß die Landleute photographieren lassen, wie sie sich einen Zahn ziehen lassen, wird das zumeist fabrikmäßig gehandhabt. Die guten Photographen in der Stadt machen ja eine Ausnahme und diese dringen immer durch, aber die Stümper versündigen sich an ganzen Geschlechtern, indem sie sie durch ihre Bilder in den Verdacht des Blödsinns bringen. Ein Landlehrer aber, der seine Leute kennt, der weiß, daß der Jang besser mit einer irdnen Pfeife, als mit einem Buch in der Hand aussieht, und besser im Arbeitsgewand, das Hemd über der Brust offen und den Hut im Nacken, als im steifen Sonntagsstaat, der wird den Jang eben nicht auf einen geschnitzten Stuhl setzen mit einem Band lyrischer Gedichte in der Faust, sondern er wird ihn aufnehmen, wie er mitten in seinem Tagewerk aussieht, da wo der Mann am meisten er selbst und am meisten wert ist.
Die Porträtphotographie wird aber für den Landlehrer, der sich dieser interessanten Kunst verschreibt, nur einen Teil seiner Tätigkeit als Photograph bilden. Bald wird er dahinter kommen, welche Landschaften in der Umgebung sich für das Objektiv eignen, in welchem Ausschnitt sie sich am vorteilhaftesten darbieten. Er wird sich ein Album anlegen, das ihm bis an sein Lebensende eine Quelle innigen Genusses bilden wird.
Am meisten aber wird er sich um die Stätte seines Wirkens verdient machen, wenn er sozusagen die Chronik des Dorfes im Bilde anlegt. Du, verehrter Leser, bist vielleicht aus einem schönen alten Bauerndorf zuhaus. Denke Dir, seit Erfindung der Photogrophie hätte jemand vor jeder baulichen Veränderung im Dorf eine Ortsaufnahme gemacht, und er hätte z. B. alle zehn Jahre die ältesten Leute des Dorfes in einem Gruppenbild aufgenommen. Alle diese Bilder lägen als Chronik des Dorfes im Gemeindearchiv und jeder könnte sich davon einen Abzug anfertigen lassen. Wäre das nicht ein Schatz und eine Fundgrube für alle, die in späteren Jahren nach dem Wissen um alles Vergangene Verlangen trügen?
Warum sollen unsere Lehrer nicht in diesem Sinn zu den Chronisten unserer Dörfer werden?