Wie könnte man bei solchem Wetter - unberufen! - nicht vom Wandern reden! Aber nicht geschwärmt wird heute. Ein Geschichtchen, ein lehrreiches, laßt mich Euch erzählen. Wie zwei selbander und doch nicht zusammen wandern gingen.
Ich nenne ihn Grimmler, weil sein ganzes Wesen von einem sankrosankten Grimm ausgefüllt ist.
Sagte Grimmler: „Wenn Sie morgen auf Wauderschaft gehen, sagen Sie es mir. ich möchte mich anschließen.“
Sagte ich: „Ich wüßte nicht, was mir angenehmer wäre. Holen Sie mich punkt neun in meiner Wohnung ab, wir gehen über Kopstal, Dondelingen, Bour, Roodt, Simmern, Hobscheid die Eisch entlang und schaffen uns Abends an den letzten Zug nach Bettingen.“
Er war es zufrieden, nur daß er sich nach neun Uhr das akademische Viertel ausbedang.
Ich wartete also an dem bewußten Sonntag bis Viertel nach neun und schob los. Von meinem Haus in der Adamesstraße quer über den Schobermeßplatz bis in die Baumbuschavenue, am Wasserturm vorbei, ins Mühlenbachtal zum Bridel hinauf usw.
Der Grimmler hing 16 Minuten nach neun an meiner Hausklingel und fragte atemlos das Mädchen, das ihm öffnete, ob ich schon fort sei.
„Gerade ist er aus dem Haus. Da drüben müssen Sie ihn gehen sehen.“
Er stürzte fort, quer über den Schobermeßplatz. Es war ein dichter Morgennebel, einer von den Morgennebeln, die einen wunderschönen Tag verheißen. Man sab keine zehn Meter vor sich. Grimmler erreichte im Eilmarsch die Viktor Hugo-Avenue, als ich grade in die parallel laufende Baumbusch-Avenue eingebogen war. In der Meinung, ich sei zirka 50 Meter vor ihm, lief er drauf los, kam in die Schulstraße bog rechts ein, erreichte die Baumbusch-Avenue, bevor ich noch an der Ecke der Schulstraße angelangt war, lief immer rascher, am Wasserturm vorüber, den Papierberg hinunter, den Peisseschberg hinauf usw.
Da @ Sie nun die Elemente der Rechnung: Er läuft, was er kann, berauf, bergab über Kopstal, über die Höhe zwischen Keispelt und Kehlen, wo das alte Gespeniterkirchlein den Himmel quer durch sich hindurchscheinen läßt und wo man vor den blauen Fernen immer andächtig Halt macht, er sieht sie nicht, er läuft immer weiter, im festen Glauben, daß er mich doch noch erreichen müßte, und mich mit Flüchen wegen meines verdammten Rennens bedeckend. Ich immer gemütlich hinterher, in gemäßigtem Tempo, damit er, sollte er doch noch kommen, mich bequem erreichen könnte.
Es war abgeacht daß wir in Simmern Mittag machen würden. Ein alter Bauer von Bour, der sich mir in Dondelingen angeschlossen hatte und den ich nach der besten Schenke in Simmern frug, sagte, ich sollte zum Weicker gehen, der habe zwei Töchter, die in Frankreich gut kochen gelernt hätten und eben nichts besseres zu tun hätten, als ihre Gäste zu bedienen.
Als ich in Simmern einzog, leuchtete mir von weitem das Schild des Hotel Knepper entgegen. Hätte ich eine Ahnung gehabt, daß in derselben Minute mein Grimmler schon seit einer halben Stunde dort saß und einsam und fluchend sein Mittagessen verzehrte, ich wäre natürlich nicht zum Weicher gegangen. So aber ging ich und habe es nicht bereut.
Machen wir den Rest kurz.
Andern Morgens stieg ich Herrn Grimmler auf die Bude, um ihn mit der Lange meines Spottes zu übergießen, weil er die Tour verschlafen hätte. Aber er trat mir übernächtig und knickebeinig mit dem Peitschenhieb seines Vorwurfs: Ignoble lâcheur! entgegen.
Als ich erfuhr, wie es ihm ergangen war, daß er abends bis Arlon gefahren und dort zuguterletzt in feuchte Gesellschaft geraten war, tat er mir leid.
Ich habe daraus unter verschiedenen anderen Lehren auch die gezogen, daß man ein besserer Mensch bleibt, wenn man den andern hinter sich, als wenn man ihn vor sich wähnt.