Der Ordensstrom, der eine Woche lang wie eine Überschwemmung durch die Zeitungen brauste, ist vorüber. Dieser oder jener, der sich über sein Kreuz gefreut hat, hört manchmal noch im Traum Stücke aus dem Te Deum aufklingen, andere gehen herum @ der seltsam wehwonnigen Stimmung von Menschen, die sich selbst leid tun, weil sie verkannt, nicht nach ihrem richtigen Wert eingeschätzt wurden. Bekannte, die Balsam auf die schmerzhafte Stelle träufeln wollen, sagen: Du hättest wahrhaftig mehr verdient gehabt! Andere, die es faustdick hinter den Ohren haben, gratulieren geräuschvoll und zitieren pharisäerisch: Dem Verdienst seine Krone!
Es gibt auch Bürger, die am Königsgeburtstag - ich bleibe lieber bei dem alten, volkstümlichen Namen - ihre Freude haben, auch ohne Aussicht auf die mindeste Knopflochzier in alle Ewigkeit. Dazu gehört ein lieber Freund und Jugendgespiele von mir, der mir dieser Tage begegnete und mir versicherte, ich würde ihm eine ganz besondere Freude bereiten, wenn ich über unsern alten Königsgeburtstag auf dem Dorf etwas schiele. „Er war am 19. Februar, und manchmal waren schon die Gärten gegraben!“
Ich muß gestehen, viel weiß ich nicht mehr davon. Einzelne Visionen leuchten auf und verschwinden. Das Offizielle hat mir nie recht gelegen. Ich hätte zehn Königsgeburtstage für eine Fronleichnamprozession gegeben, wo es nach Kalmuswurzel roch, die Lichter zwischen den Blumenstöcken aufgeregt flatterten und in vollen Stearinströmen verbluteten, die weißen Jungfrauen feierlich vorüberzogen und durch die Schloßwiese ein breiter Pfad von der Kapelle bis zur Parktür in das junge Heu gemäht war. Da war Klang und Licht und Duft. Der Königsgeburtstag fiel in den Vorfrühling, er eignete sich nicht immer zur Entfaltung großen Pompes. Indes sehe ich noch den alten Bürgermeister die Kirchentreppe hinaufgehen. Er hatte seinen Galafrack, der ein Familienerbstück war, angelegt. Dieser Frack ragte aus den Tagen Napoleons des Großen, vielleicht aus den Tagen Maria Theresias in meine Jugendzeit herein, soweit natürlich ein Frack ragen kann. Bitte, er besaß wohl ein Organ, mit dem er ragen konnte. Das war sein Kragen, der war hoch, steif, monumental, ein Rahmen für das Haupt des Trägers, ein Symbol der Festigkeit und Treue im Schutz dessen, was einem zu schützen obliegt. Und blau war der Frack auch, dunkelblaugrau, und hatte silberne Knöpfe. Hinter dem Bürgermeister kam der Staatswegewärter in seinem weiten Mantel, an dem hinten eine Kapuze dreieckig herunterhing und über dessen Brust malerische Verschnürungen liefen. Warum tragen wir heute nicht mehr diese Wunder von Mänteln?
Zur Erhöhung der Feierlichkeit gab auch wohl die nächste Gendarmeriestation einen Mann in Gala ab. Und wir Buben schossen den ganzen Tag aus angeseilten Schlüsseln und Türangeln Salut.
Das Schönste dabei aber war das Te Deum. Orgel, Männerchor wuchtig auf und ab, Schellengebimmel und Glockenläuten und Weihrauchwolken, ach, es hob einen so majestätisch und unwiderstehlich, wie eine breite Woge den Kahn ....
Ich weiß nicht, wem wit mit dieser Versenkung in Kindererinnerungen auf den Leim gehen. Man hatte doch als Kind wahrhaftig selten oder nie so intensive Glücksgefühle, daß man dafür den Inhalt eines reifen Lebens drangeben sollte.