Original

15. Februar 1920

Immer noch der Wilhelmus! Ein Luxemburger schreibt mir aus dem Ausland:

„Wilhelmus von Rassauwen. - Was uns Luxemburgern immer noch amtlich vorgeträllert wird, wenn dem Staatshaupt Ehren erwiesen werden, ist ein Militärmarsch aus dem Anfang der Regierungszeit Wilhelms I., gesetzt auf ein Gedicht von Tollens durch einen Tondichter, dessen Namen ich gegenwärtig nicht nachschlagen kann. Diese Schundmelodie war jahrzehnte lang in Niederland im Schwange, bis die Bevölkerung sich auf den alten Liederschatz besann und ein wirkliches historisches Lied aus der Vergessenheit hervorholte, den alten Wilhelmus, mit den Worten, die Marnix van Sint Adelgonde 1568 gedichtet hatte, als der große Oranier sich zu dem harten Ringen mit der spanischen Gewaltherrschaft anschickte. Auf diese Worte hat dann erst 1625 Adrianus Valerius seinen prächtigen Hymnus gesetzt, wie man annimmt, an Stelle einer flotten Marschmelodie, die ganz verloren gegangen ist. «Na de wyze van Chartres» heißt es in den alten Liederbüchern. Die Valeriussche Weise fand das Militär nicht hinreißend genug, wenn überhaupt von dem Wilhelmus als Nationallied damals die Rede war. Es mußte was neues gemacht werden, in Text und Musik, und die amtlichen Wort- und Tondichter wurden in Nahrung gesetzt. Der Text ist blöde, die Melodie schauderhaft.

„Nun ist schon seit etwa der Regierung Königin Wilhelminas der alte Wilhelmus wieder allein gebräuchlich, wenn das Staatshaupt öffentlich auftritt. Vor einigen Jahren wohnte ich im Haag der Eröffnung der Generalstaaten bei, übrigens einer achtunggebietenden Feierlichkeit, und dabei wurde die erhabene Weise von der Kapelle der Grenadiere und Jäger mit vollendetem Schmelz gespielt. Doch der „neue“ Wilhelmus ist noch nicht ganz abgeschafft. Ich glaube, es war noch 1918, als eine Kommission von Generalen und andern Bonzen berufen wurde, um über die Entbehrlichkeit des Machwerks zu beraten. Man wurde sich darüber einig, daß der alte Wilhelmus als alleiniges Nationallied gelten, der „neue“ dagegen nur noch als Präsentiermarsch für den Fall verbleiben solle, wo die Königin zu einer militärischen Handlung erscheint. Nachdem also in Niederland der gute Geschmack obgesiegt hat, müssen wir uns immer noch mit jenem Abfall begnügen, als ob wir nicht im „Feierwon“ und in der „Hémecht“ vortreffliche Nationallieder besäßen, geeignet, auch den Sinn einer Königin ertrillern zu lassen, wenn ihre Klänge ihr zur Begrüßung erschallen. Als Großherzog Adolf vor Jahren dem König der Belgier seinen Besuch in Brüssel machte, wurde nichts anderes gespielt als eben die „Hemecht“, sodaß ich annehmen konnte, die Frage sei längst geregelt. Mit dem Wilhelmus, wie sehr ich auch für das Lied schwärme aus künstlerischen wie auch aus historischen Gründen, haben wir Luxemburger nichts zu schaffen, da mit diesem Liede der Gedanke an den Kampf gegen Spanien aufgeweckt wird, einen Kampf, an dem unsere Vorfahren bekanntlich keinen Anteil hatten, es sei denn, daß unser Land zur Zeit Albas Aufmarschgebiet war.“

Ich kann aus eigener Erfahrung nur das hinzufügen, daß die Holländer herzlich froh waren, uns los zu werden, daß sie immer mit scheelen Augen auf Luxemburg sahen, in dem sie nur eine Quelle von Verwicklungen für sich erblickten, und daß wir am besten auf den alten und den neuen Wilhelmus verzichten würden.

TAGS
    Katalognummer BW-AK-008-1603