Original

26. Februar 1920

Aus den inhaltreichen Pariser Tagen, die hinter mir liegen, ragen einige Gipfel empor in die Helle der Unvergeßlichkeit.

Einer davon ist der Augenblick, wo ich ganz allein am Obelisk der Place de la Concorde stand. Das kühle, klare Licht des sonnigen Februarmittags war um das unvergleichliche Städtebild, zitterte auf den weißgrauen Statuen, spiegelte sich auf dem Pflaster, das von den Gummirädern der Autos blank gebügelt war. Die Wagen glitten in Schwärmen vorbei, wie Fische im See. Bis zum Arc de Triomphe hinauf und bis zum Louvre hinab, und übers Kreuz, vom Palais Bourbon bis zur Madeleine war Raum, Freiheit, Bewegung, und ich wußte, daß ich auf dem schönsten Platz der Welt stand. Ich vermochte nichts anderes zu denken, als Schönheit, die Schönheit, in die die Lichtstadt gebadet war. Solche Minuten hebt man auf, wie Schätze, von denen man Jahre und Jahrzehnte, ein Leben lang zehrt.

Im Senat: Dumpfe Luft, Eingeschlossenheit, Historie, alte und neue. Saaldiener bemühen sich, die fremden Besucher beisammen zu halten und sie nach dem Kabinett des Herrn Präsidenten zu drainieren. Bemerkungen werden mit gedämpfter Stimme ausgetauscht. Wir warten in einem Zimmer, das auf einen Hofgarten geht. Mattes, müdes Licht, erwartungsvolle Stimmung. An der Außenmauer steht vor dem Spiegel eine Marmorbüste Sadi Carnots. An einer Seitenwand hängt ein Bild, das vor Jahren der Staat im Salon angekauft hat: Im Atelier. Ein weiblicher Akt mit Rückenbeleuchtung, blondes Kraushaar schimmert wie ein Heiligenschein. Den Maler, der dies lichtfrohe Bild geschaffen hat, muß es bedünken, als sei sein Werk vergraben und verschollen in dieser feierlichen, schattenhaften Amtlichkeit.

Noch eine Türe weiter, und der Präsident des französischen Senats steht vor uns.

Er lehnt mit dem Rücken an seinem Schreibtisch, in behaglicher Haltung, wie in einem harmlosen Gespräch mit guten Freunden. Es würde mich nicht wundern, wenn er die Hand in die Tasche steckte und mit einem Schlüsselbund anfinge. Er sieht unserm Eyschen auffallend ähnlich, Statur und Bart, die Art sich zu geben, sind genau dieselben. Nur daß der Bart Bourgeois’ nicht ganz so weiß ist und daß Eyschen umgekehrt den Eindruck größerer Elastizität machte.

Man wußte, daß die beiden befreundet waren. Und richtig, schon im zweiten Satz seiner Ansprache kommt Herr Bourgeois auf unsern früheren Staatsminister zu reden. Er spricht von dem „Willen zur Selbständigkeit, der auf dem Grund Ihrer Seelen lebt“ und wie er bei den Verhandlungen der Friedenskonferenz im Haag dafür einen Beweis erhielt, als Eyschen es durchsetzte, daß es für den Kriegsfall Deutschland untersagt wurde, luxemburgisches Eisenbahnmaterial zu verwenden.

Dann wurde gesagt, daß wir auf die Fürsprache des Herrn Bourgeois rechneten, wenn es sich um unsere Aufnahme in die Völkerliga handeln würde.

Es war der Augenblick, Betrachtungen anzustellen, die uns nicht zu großer Befriedigung Anlaß geben. Damals, bei den Verhandlungen der Friedenskonferenz, waren wir vertreten, einer aus unserer Mitte führte dort das Wort als gleichberechtigt mit den Vertretern der Großmächte. Es hat damals nicht an Leuten gefehlt, die ihm Großmannssucht vorwarfen und behaupteten, er wäre besser zuhause geblieben. Herr Leon Bourgeois scheint darüber anders zu denken.

Heute leben wir in einer Zeit, in der das Wort vom Selbstbestimmungsrecht der kleinen Völker für deren Schicksal maßgebend sein soll. Aber wenn die Großen beraten, müssen wir vor der Türe stehen und warten, ob man uns anhören will. Was gäben wir heute darum, wenn wir einen Mann hätten, dem es gelänge, am grünen Tisch der internationalen Diplomatie sein Wort und unsere Wünsche anzubringen!

Ich bin überzeugt, Einer, wenn er der Rechte wäre und sein Vaterland über alles liebte, brächte mehr zuwege, als zehn interparlamentarische Konferenzen.

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    Katalognummer BW-AK-008-1604