Original

3. März 1920

Die Berge begegnen sich nicht, aber die Menschen. Und die Welt ist kleiner, als Ihr meint. Sie ist so klein, daß nur ein Verrückter in Sarajewo mit dem Revolver loszuknallen braucht, damit quer durch die Welt ein Schützengraben gezogen wird.

Ich wollte von ein paar Begegnungen erzählen.

Als wir kürzlich abends von Paris abfuhren, stand ich mit einem meiner Begleiter plaudernd vor dem Wegen, in dem wir Plätze belegt hatten. Er erzählte mir von Bildern, die er in der Salle Daguet angesteigert hatte und die ihm die Bahn als Passagiergepäck nicht mitgeben wollte, er müsse sie als Eilgut aufgeben und nun wisse er nicht, ob alles glatt vonstatten gehen werde.

Ich hatte unterdessen einen Mann beobachtet, der sich unauffällig neben uns aufgestellt und beständig darübergehorcht hatte. Da mein Begleiter luxemburgisch sprach, war ich überzeugt, daß der Fremde uns für Deutsche hiolt und demnächst die Konsequenzen aus der Sachlage ziehen würde. Er war in Arbeiterkleidung, ein breitschultriger Hüne mit Riesenpranken, zwischen deren Fingern seine Zigarette sich schüchtern verkroch, wie ein weißes Kaninchen zwischen Felsblöcken.

Er sagte plötzlich: „Ech kann ech de’ Biller expedire, wann der wöllt.“

Darauf gab es dann ein geräuschvolles Wiedersehen, Charles hinüber und Josy herüber. Sie waren zusammen in Diekirch in die Schule gegangen und der Bruder des einen hatte dem andern sogar einmal das Leben gerettet. Und der Hüne erzählte, er sei kürzlich zuhaus auf Besuch gewesen und habe reichlich Geld mitgehabt und sei trotzdem zu kurz gekommen, und da habe ihm ein Bekannter mit 50 Fr. aus dem Schlamassel geholfen. „Ich gebe Ihnen die 50 Fr. für ihn mit“ - sagte der Hüne - „Aber sorgen Sie, daß meine Mutter nichts davon erfährt. Sie hätte mir ja auch Geld gegeben, soviel ich brauchte. aber ich hatte Angst vor ihr.“

Also dieser ausgewachsene Enakssohn, der in Paris als Klaviertransporteur Taschen voll Geld verdient und sich den Teufel um die Welt schert, zitterte davor, daß sein altes Mütterchen in Diekirch erfahren könnte, er sei unsolid gewesen!

Und da sagen sie, es gebe keine Kinder mehr!

Am Sonntag, 17. November 1918 war ich mit guten Freunden als einer der ersten nach dem befreiten Longwy gefahren. Wir hatten von Merl bis Rodange uns einen Weg durch die entgegenströmenden Kolonnen bahnen müssen. Es war ein historischer Tag, den keiner von uns vergessen wird.

Am Samstag, 21. Februar 1919, saß ich im Palais d’Orsay in Paris an der Festtafel mit der interparlamentarischen Kommission, als der Abgeordnete Guston Deschamps das Wort ergriff und, statt eine Rede zu halten. erzählte, wie er am 17. November 1918 von Verdun her mit unternehmungslustigen Amerikanern bis Petingen gefahren und wie es ihm dort ergangen war. Die Straßen waren voll von zurückflutenden deutschen Armeemassen - dieselben, die wir genau um dieselbe Stunde gekreuzt hatten. In Petingen wurde Mittag gemacht. im „Hotel du Chateau“, sagte Herr Deschamps. „Ich werde es im Leben nicht vergessen. Als wir hineinkamen, stand ein baumlanger deutscher Stabsoffizier am Schenktisch und äugte erstaunt nach uns herüber. Offenbar hatten während der Besetzung durch die Deutschen hier immer Offiziere gewohnt, was indes den Wirt, Herrn Kirchen - Kirchenne - nicht verhindert hatte, in seinem Lokal die Bilder von Joffre, Pétain und Foch aufzuhängen. Man trug uns ein auserlesenes Mittagessen mit köstlichen Weinen auf, und als wir Abschied nehmen wollten. bat uns Herr Kirchen, noch einen Augenblick zu warten. Es kam eine Überraschung. Das Töchterchen des Hoteliers erschien im Schmuck einer trikoloren Gürtelschleife und kredenzte uns, als den ersten Vertretern der Befreiungstruppen, eine Flasche Champagner. Das alles, während die deutschen Offiziere dabeistanden und sich ihre Gedanken dazu machten. Damals wurde mir klar, was wir in Euch Luxemburgern für treue Freunde haben.“

Sehen Sie, Herr Kirchen, welchen Dienst Sie damals mit jener Flasche Champagner Ihrem Vaterland geleistet haben!

Hätten wir am 17. November 1918 auf unserer Fahrt nach Longwy geahnt, welche Gäste das SchloßHotel in Petingen grade beherbergte, wir wären sicher nicht vorbei gefahren.

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    Katalognummer BW-AK-008-1609