Nie hatte ich mich unserm Stammpater Adam so nahe gefühlt wie vor einigen Tagen, als ich den großen Korb mit Äpfeln auspackte, den der Spediteur grade von der Bahn gebracht hatte. Er duftete den ganzen Hausgang voll. Jetzt liegen sie hübsch sortiert nebeneinander, wie Provinzen auf der Landkarte: der stattliche Boïken, der rote Eiferapfel, die leckere Reinette du Canada, der Königliche Kurzstiel, der trotzige Winter-Rambour, und der graue Tafelapfel, jawohl, der echte alte Grauapfel, die schönsten Exemplare, die mein Spender aus seinem Bestand herausgelesen hat, weil ich ihm mit solcher Rührung von diesem Apfel meiner Kindheit vorgeschwärmt hatte. Als kämen sie direkt aus der Asche, wie die Kartoffeln, die wir im Herbst bei den Kühen auf der Wiese im Feuer brieten, so grau und unscheinbar sehen sie aus, gerunzelt, aber auch gütig, wie Großmütterchen. Die schlaffe Haut, die sich vor dem Druck des Messers zurückzieht. knallt im Entzweigehen und die Schneide gleitet weich durch das grünliche, süße Fleisch, aus dem mir Zauber der Kindheitstage entgegenduster.
Es wurde mir klar daß der Apfel die Synthesis allen Obstes ist, daß im Ursprung der Zeiten die Dummheit aller Dummheiten nur um eines Apfels willen begangen werden konnte. Und ich beschloß, ohne weiteres Zögern mich in den Luxemburger Landes-, Obst- und Gartenbauverein aufnehmen zu lassen.
Es klang mir so praeter propter noch in den Ohren, daß der Verein, der diesen langen und appetitischen Nomen führt, kürzlich durch ein Jubiläum von sich reden gemacht hatte. Da liegen ja auch noch die beiden Broschüren, die Festschrift, die der Vorstand herausgegeben hat und die andre, in der Herr Professor J. P. Wagner, Vorsitzender des Vereins, mit der ihm eigenen Gründlichkeit und Gediegenheit für die Umorientierung des Vereins Richtlinien gibt.
Ich habe die beiden Broschüren gelesen und ich betrachte jetzt meine köstliche Äpfelkarte mit ganz andern Augen.
Zunächst war ich betroffen durch eine Feststellung in der Broschüre des Hrn. Wagner: „daß in allen Schichten unserer Bevölkerung das Obst mehr als Genußmittel angesprochen wurde und als Nahrungsmittel kaum Beachtung fand.“
Der Krieg hat uns eines andern belehrt. Aber es war früher tatsächlich so, daß es niemand eingefallen wäre, seinen Hunger auch nur teilweise mit Obst zu stillen, wenn er nicht grade Vegetarianer war. In meiner engeren Heimat trugen die Bauern von jeher Bedenken, eßbares Obst auf ihren Äckern zu ziehen. weil sie sicher waren, daß es ihnen von der Dorfjugend gestohlen würde. Tafelobst galt als wirtschaftlich mindestens gleichgiltiger Luxus. Ich erinnere mich nicht, einen Erwachsenen je in einen Apfel beißen gesehen zu haben. Wie ja dazumal auch das Essen von Kaninchenfleisch in guten Bauernhäusern als Armeleutssache verpönt war. Stand irgendwo auf dem Bann ein Baum mit genießbaren Äpfeln oder Birnen, so war er bei der ganzen Dorfjugend bekannt, wie ein bunter Hund, „Koschtesch hir Äppelbem“ waren für uns, was für den Kölner sein Dom ist.
Dann kam der Winter von 1879-80 und fuhr allen Obstbäumen ins Mark. Mit dem „Äppellausen“ war es vorbei und wir stiegen bis zu den gelben und weißen Rüben hinunter.
Dem Obst- und Gartenbauverein haben wir es zu verdanken, daß aus dem plan- und ziellosen Gewurstel wirklich etwas herausgebildet wurde, was nach Kultur aussieht. Früher gab es Rabauner und Tuddeljongen und Herrenbirnen, und wo etwas Genießbares wuchs, war es im Pastors- oder Notarsgarten. Obstbäume wurden auf’s Geratewohl gepflanzt, was es wurde, wurde es. Heute findet jeder der als Liebhaber oder zum Erwerb Obst bauen will, bei dem Landesverein die kostbarsten Ratschläge für jedes Stadium des Anbaus und der Verwertung, von der Wiege bis zum Grabe des Obstes, möchte ich sagen. Wenn es früher ein außerordentlicher Glücksfall war, daß man um diese Zeit noch Äpfel auf den Tisch bringen konnte, so ist es heute eine Kleinigkeit, seinen Vorrat nach Sorten so zu stufen, daß man damit bis zur nächsten Ernte auskommt.
Und nun kann ich zum Schluß ganz besonders unsern Moselanern die Festschrift des Hrn. Wagner nicht warm genug empfehlen. Sie sagt klar und fachmännisch, wie sich unsre Obstzüchter in die neuen Verhältnisse schicken sollen. Und es kann sein. daß manche Weinberge mit der Zeit, je nachdem sich die Verhältnisse ausbauen, von ihren Besitzern ausgehauen und in Obstgärten umgewandelt werden müssen. Dann wird es gut sein, daß man an der Mosel möglichst genau auch in der Obstverwertung und den Absatzmöglichkeiten Bescheid weiß.