Der Morgen war nur erst Ahnung, es schien noch dunkelgrau zwischen den Vorhängen herein. Fern rollte ein Wagen. Ich dachte, wie die Leute darin frieren mußten. Denn man hat gut sagen, es ist Frühling, des Morgens vor Tau und Tag beißt einen draußen der Frost immer noch feindlich in die Haut.
Auf einmal floß in das Geräusch der fern rollenden Räder ein lieblicher Ton hinein. Eine Amsel sang draußen auf dem Baum. Sie schlug und trillerte und hängte ihre Läufe wie Perlenschnüre in den Baum und zog Töne wie sanft glänzende Goldfäden an- und abschwellend durch den erwachenden Morgen.
Ich kann nicht anders sagen, ich war gerührt. Also auf dieser verdrehten Welt, wo die Menschen sich aufführen, als wäre einer des andern Teufel, da gibt es noch das: Ein treues Vöglein, das uns zulieb den Frühling einsingt. das uns mit seinem goldenen Lied aus dem Schlaf weckt, das in seinem Kehlchen Freude und Lust schwellen läßt und das Leben lobpreist!
Wahrhaftig, ich bilde mir ein, die Amsel draußen singe mir zu Ehren und mir zum Ohrenschmaus ihr Morgenlied, damit ich an den Frühling denken und den Winter vergessen soll. Vergessen die kalten Füße und die Schnupfennase und die kurzen Tage und langen Nächte und die Kohlen- und Holzrechnungen, und erlöst sein beim Gedanken an die gelben, weißen und lila Crocussterne, an die erste Forelle, an die rotglühenden Kirschen im Baum, an die süßen Sommernächte, an alle Herrlichkeiten, die uns die Sonne bringen wird. Damit ich ihr, der singenden Amsel die Erdbeeren und Kirschen verzeihen soll, die sie mir alle die Jahre hindurch bisher gestohlen hat und noch stehlen wird. So sind wir, alles beziehen wir auf uns, immer hält jeder von uns sich für den Nabel der Schöpfung, und ist überzeugt, daß alles andre nur so um ihn herum garniert ist.
Falsch! die Nachtigall und die Amsel und der Buchfink und der Dompfaff, sie singen und schlagen und trillern, weil sie entweder hungrig oder verliebt sind. Und seht Ihr, wie ungerecht die Natur gegen alle andern Geschöpfe ist, wie parteiisch sie die Singvögel bevorzugt. Wenn ein Hund hungrig oder verliebt ist, so heult er die Tage und Nächte voll und wird der ganzen Nachbarschaft auf drei Kilometer in der Runde zu einer Quelle des Ärgers und der Schlaflosigkeit. Mußte das sein? Konnte die Natur dem Hund für solche Fälle nicht auch die Tonsüße verleihen, die sie der Nachtigall in die Kehle gezaubert hat? Warum ist es dem armen Phylax oder Hektor nicht gegeben, daß er seine Sehnsucht in schmelzende Töne gießen kann, die wie aus dem Brustkasten eines Caruso oder dem Waldhorn des Hrn. Keyseler hinausströmen und den Raum mit Poesie füllen, daß die Dienstmädchen sich die ganze Nacht in ihre Mansardenfenster legen und von Liebe träumen! Warum muß der arme Phylax heulen und bellen, statt zu flöten, und dadurch sein Gemütsleben bei der ganzen Nachbarschaft in Mißkredit bringen? Warum muß sich bei allem Getier, Hund, Katze, Pferd, Kuh. Ochs, Esel jede Regung, die auf die Erhaltung der Gattung abzielt, durch unangenehmes Geräusch kundgeben, statt sich wie bei meiner Morgenamsel in liebliche Töne zu kleiden? Ach, und warum wirken auch auf den Menschen Hunger und Liebe nicht ästhetischer, als es wirklich der Fall ist? Macht uns der Hunger zur Bestie, so macht uns die Liebe zum Trottel.
Ist das edel von der Natur, daß sie uns so zum Schaden auch noch den Spott beschert und sich über uns lustig macht, wenn wir ihr auf den Leim gehen?
Man sollte ihr wirklich nicht den Gefallen tun, ihre Mätzchen ernst zu nehmen und sich zum Beispiel durch den Morgengesang einer Amsel auf die höheren Flötentöne stimmen zu lassen. Ich hatte in meiner Verwandtschaft einst einen alten Onkel. von dem erzählen sie, daß er manchmal morgens höchst ungnädig zum Frühstück erschien und knurrte, die verdammte Nachtigall habe wieder die ganze Nacht vor seinem Fenster gebrüllt und ihn um jeden Schlaf gebracht.
Ich bedaure manchmal von diesem Onkel nicht etwas mehr Ablehnungsfähigkeit überkommen zu haben.