Wieder einer, der uns verläßt! - Pardon, ich will diesmal noch nicht, wie Sie etwa erraten zu haben glauben, von Frantz Seimetz reden.
Sondern vom Zylinderhut. Ich habe nämlich festgestellt, daß niemand mehr einen Zylinderhut trägt. Bei einer feierlichen Gelegenheit, bei der vor dem Krieg todsicher niemand ohne seinen Zylinder zu erscheinen gewagt hätte, trat ich kürzlich als der einzige im Zivilhelm auf und merkte an dem diskret ironischen Lächeln der andern, daß ich nachging.
Wie populär der Zylinderhut war, ergibt sich schon aus der Tatsache, daß der Volksmund für ihn so viele ulkige Bezeichnungen geprägt und daß Wilhelm Busch ihn besungen hat. Er war gradezu ein Symbol der Zivilisation, was u. a. daraus hervorgeht, daß wilde Völkerstämme, wenn sie sich das Aussehen von Zivilisierten geben wollten, beim Zylinder anfingen. Ein Zulukaffer, der eine Angströhre auf dem Kopf und ein paar Röllchen an den Fußknöcheln trug, war für seinen Begriff in die höchsten Sphären europäischer Verfeinerung gehoben. Der Krieg hat auch die Zulukaffern belehrt, daß die beiden: Zivilisation und Dunstkiepe, nichts mit einander zu tun haben. Denn es ist doch nur eine sehr entfernte und rein äußerliche Beziehung, wenn einerseits die bewußte Dunstkiepe aus Kaninchenhaaren besteht und andererseits die moderne Zivilisation es zu ihren höchsten Errungenschaften rechnet, daß sie zum Massenmord gegen Menschen heute die giftigen Gase gebraucht, die früher nur gegen die wilden Kaninchen in Anwendung kamen. Wenn also die wilden Völkerstämme sich heute zivilisieren wollen, so wird das nicht mehr die harmlose Sache sein, die es zur Zeit der Hochkonjunktur des Zylinderhutes war.
Der Niedergang des Zylinders liegt weiter zurück, als Sie glauben. Er begann damals, als ihm die Herren Pastöre abschwuren und ihn durch ein mehr römisches Modell ersetzten. Bekanntlich hat Herr Pfarrer Flammant der Mode widerstanden und gegen die Anregung von oben her nicht nur seinen Kopf, sondern immer weiter auch seinen „Zwetschendieb“ aufgesetzt. Dies ist einer der seltenen Fälle in der Geschichte, wo der Klerus die Männermode beeinflußt hat. Allerdings nur negativ.
Wir dürfen also ruhig unsere Zylinderhüte den weiblichen Mitgliedern des Haushalts übergeben, damit sie darin Erbsen und Bohnen aufheben. Der runde, glanzlose chapeau melon - was ein Pariser Korrespondent eines Tages mit „melonenfarbiger Hut“ übersetzte - hat endgültig die Nachfolge seines aristokratischen Vetters angetreten. Nur an den beiden Extremen menschlicher Gefühlsäußerung scheint dieser seine Herrschaft noch zu behaupten: Bei Begräbnissen und bei Galabummeln. Immer noch kann man hinter Leichenwagen mehr oder weniger zahlreiche „Achtreflexe“ bewundern, und immer noch sieht man an den Stätten der besseren vadrouille junge gutgewachsene Männer im Frack, die einen Zylinder im Nacken tragen und einen Stock mit Elsenbeinkrücke schwingen.
Sollen wir uns über das Verschwinden dieser alten Hutmode freuen oder grämen? Ich meine, wir sollen uns jedesmal freuen, wenn irgend eine Art der Gleichmachung, der Uniformierung verschwindet, wenn somit das Individuum voller in seine Rechte tritt, wenn dem Banausen ein Mittel entzogen wird, durch ein Kleidungsstück einen Seelenzustand zu heucheln.
Es ist Ihnen vielleicht aufgefallen, daß mit dem Verschwinden des Zylinders das Heraufkommen der Gamasche Hand in Hand geht. Hängt das etwa mit einem unbestimmten Masseninstinkt zusammen, daß wir uns bei der heutigen Weltlage aufs Durchwaten einrichten müssen, wie bei sumpfigem Erdreich?
Der Zylinder hatte einen Stiefbruder, einen Luftikus und unsoliden Gesellen. Es war der Klapphut, der Streber und Hochstapler unter Seinesgleichen. Er machte sich dünn, wenn er glaubte, anzustoßen, und klappte sich stolz wieder hoch, wenn es darauf ankam, Charakter zu zeigen. Der wahre Zylinder hat diesen seidnen Schwindler immer verachtet. Er hatte Ehrgefühl und Gewissenhaftigkeit im Leib, er war der Edelmann, bei dem der geringste Knick in die Ehre tödlich wirkte. Er war ein ganzer Kerl, er ertrug es nicht, daß man sich auf ihn setzte. Der andre machte sich nichts draus. Es ist nicht ausgeschlossen, daß er dieser Wurschtigkeit sein Fortbestehen verdankt. Er wäre ein vorzüglicher Minister.