Original

5. Mai 1920

Aus einem Frankfurter Brief, Ende April d. J.: „Es ist eine sonderbare Stimmung überall, ein Chaos, aus dem jeder einen Ausweg auf seine Art sucht. Politische und religiöse Apostel schießen wie Pilze aus dem Boden und haben gleich eine Gemeinde, die nächtelang um einen Samowar brütet.“

Anderes Bild: Durch den Park geht ein Mädchenpensionat und singt. Die frischen Stimmen klingen anmutig. Sogar auf den Gesichtern der begleitenden Nonnen liegt ein Abglanz des Frühlings. Die Mädchen singen:

Heißa, wir halten unsern MaiengangHeute mit Jubelgesang und Klang.

Ihr kennt das Lied aus Eurer Jugend. Aus seiner Weise leuchtet Erinnerung an Sonne und Blumen.

Der junge Rasen hat in seinem Grün noch eine ganz zarte Nüance von gelb, als ob sich die Abendsonne darin verfangen hätte. Später wird sein Grün stumpf und glanzlos. Jetzt leuchtet er noch vor innerem Drang. Das Laub, das noch vor Tagen wie grüner Schneeflockenfall in der Luft hing, schleiert jetzt unsäglich zart vor geheimnisvollen Parkgründen. Die runden Blüten des Löwenzahn stehen im Rasen wie die Lichter vor dem Dunkel des Weihnachtsbaumes. Die Wolken schwimmen zu weißen Pfühlen geballt im Blau und Dein Sehnen geht hinauf zu den weißen Sonnenpfühlen, auf die Du Dich betten möchtest und singen, wie die fröhlichen Mädchen und wie Du einst in Deiner Kindheit gesungen hast.

Ich meine, wenn die Apostel, die die Welt verbessern wollen, sich nächtens ins Bett legen wollten, statt um Samoware zu brüten und sich mit Tee den Schlaf zu vertreiben und die Nerven aufzupeitschen, und wenn sie tagüber über den jungen Rasen, unter den weißen Wolken gingen und sich dazu ihre Gedanken machten, so würden sie vielleicht finden, daß an der Welt gar nicht soviel zu verbessern ist, wie sie sich einbilden.

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    Katalognummer BW-AK-008-1660