Warum sollen wir den 1. Mai nicht feiern?
Der Jahreskuchen sitzt voll Festtagsrosinen, die die Kirche hineingebacken hat. Warum sollen wir Kinder der Welt nicht auch einmal eine Rosine hineingeben, die nicht nur nach Weihrauch schmeckt?
Ich denke mir den ersten Mai nicht als Fest der Arbeiter, sondern als Fest der Arbeit. Oder vielmehr, als Fest für alle, die in der Arbeit, in jeder Art von Arbeit den Quell alles Lebens sehen. In diesem Sinn beanspruche ich so gut ein Recht darauf, das Maifest mitzufeiern, wie der toteste Sohn der Roten Erde.
C’est curieux! sagte ein humoristisch veranlagter Freund, mit dem ich am Samstag das Fest der Arbeit beging - on fête le travail en ne foutant rien!
Arbeit und Feier sind freilich zwei Begriffe, die sich gegenseitig ausschließen. Um die Arbeit zu feiern, darf man nicht arbeiten, sonst wäre es keine Feier. Feierabend ist die Stunde, wo man zu arbeiten aufhört.
Um also die Arbeit zu seiern, muß man sie aus dem Joch des Tagewerks lösen und sie als Landes-, als Weltheilige auf den höchsten Altar stellen. Die Heilige Arbeit - Sanctus Labor!
Warum sollen wir der Kirche alle Feste überlassen? Wo immer der Stimmungswert der Jahreszeit einen Höhepunkt erreicht, ist die Kirche da und baut ein Fest hin, wie sie früher auf jede Anhöhe eine Kapelle baute. Sie fängt die Gedanken und Stimmungen des Volkes in ihre Kanäle und bewässert damit ihre Wiesen. An Weihnachten, wenn die Sonne sich wieder uns zuwendet, feiert die Kirche das Fest der Welthoffnung, die Geburt des Erlösers, an Ostern, wenn die Hoffnung zu Knospen und Blüten schwillt, singt die Kirche ihre Auferstehungshymnen, Pfingsten, Fronleichnam, die beiden Himmelfahrten, Allerheiligen, alle sind sie Gefäße, in denen die Kirche Hoffen, Sehnen, Trauer, Wehmut, Jubel und Ausgelassenheit, Leid und Lust der Menschheit aufzufangen sucht.
Warum sollen wir ihr diese Ausbeutung der Jahreszeiten als Monopol überlassen? Warum soll nicht auch einmal ein Fest gefeiert werden, das mit seinem Sinn und Zweck nicht ins Jenseits weist? Frankreich hat ein Fest des Vaterlandes, den 14. Juli. Wir haben, sagen sie, als Gegenstück dazu den Geburtstag unseres jeweiligen männlichen oder weiblichen Landesfürsten. Bald fällt er in den Sommer, bald in den Winter bald in den Herbst, bald in den Frühling. Es bildet sich nie jener Zusammenhang zwischen Jahreszeit und Feststimmung heraus, wie er bei einem richtigen Fest bestehen müßte. Wir müßten ein Fest der Heimat haben, das endgültig im Jahr verankert wäre und an dem nicht die Hauptsache ein Te Deum in der Kirche und ein Festessen in Luxemburg für die Spitzen der Behörden wäre, ein Fest, unabhängig von allen Königlichen Hoheiten und sonstigen Persönlichkeiten, in denen sich angeblich das Vaterland verkörpern könnte.
Ein solches Fest haben wir nicht, und es wird wohl noch eine Weile dauern, bis wir es bekommen, bis unser Nationalempfinden derart gestärkt ist, daß es diese Blüte ganz von selbst aus dem Stamm unseres Volkstums treibt.
Aber einstweilen könnten wir den 1. Mai als Fest der Weltarbeit feiern, als ein Fest, in dem wir uns einig wüßten mit allen Händen und Hirnen, die über das Weltall hin die Materie und den Gedanken in Schwung halten. Und dies Bewußtsein von Einigkeit und Solidarität im Gedanken an die Arbeit, die über alle Welt hin eins und eine ist, ist ganz allein imstande, aus sich heraus den Weltfrieden zu zeugen.
Erster Mai: Fest der Arbeit und des Friedens! So wollen wir ihn feiern, in den Straßen, wenn Ihr wollt, aber in unsern Herzen unbedingt.