Original

7. Mai 1920

Ein stiller, sonnig versonnener Maimorgen voll Apselblüten und Amselschlag. Als hätte ihn sich Adalbert Stifter zum Hausgebrauch eigens gedichtet.

Da hinein platzt auf einmal ein Dammbruch von Musik. Der breite Strom der Bässe, die Fiorituren der Krarinetten wie Glitzern von Kräuselwellen oben drauf.

Ein Prozessionsmarsch. Du springst vom Tisch auf und siehst draußen die lange Reihe der Beter, von roten und grünen, blauen und gelben und weißen Fahnen überflattert, die hellen Gewänder der Kinder und Kommunionsjungfräulein, und dann das im Takt schwankende Carré der Musik, rechts - langsam - links - langsam, wie von der Marschweise am Schnürchen gezogen. Und hinten die dicke Trommel macht bum - um -bumbumbum, die Pistons jubeln, die Flöten tirelieren, die Klarinetten singen fröhlich durch die Nase, wie Straßensängerinnen am Golf von Noapel, die Bässe schnarchen und das strömt in breiten Akkordwellen durch die stillen Straßen und bricht sich an den Häusersponten und lockt alles an die Fenster.

Ich freue mich jedes Jahr auf den Prozessionsmarsch, der mit den drei ersten Noten der Sonate Pathétique von Beethoven anfängt. Das heißt, er macht aus den dreien vier. hüpft von der zweiten auf die dritte in einem kleinen Vorschlag hinauf. Und dann verläßt er Beethoven und schlägt sich seitwärts in die Büsche und grast alle Fluren ab, die der Sentimentalität, des Heroismus, der Feierlichkeit, der Anmut, des Scherzes, alles durcheinander.

Wenn ich musikalisch veranlagt wäre, würde ich die ganze Woche Prozessionsmärsche komponieren. Ich denke mir, daß man dabei aus der Feierstimmung gar nicht herauskommt. Anhaltend erhaben muß einem zumut sein, als ob man alten Rheinwein getrunken hätte und mit dem lieben Herrgott in einem Mantel aus Goldbrokat auf einer blumigen Frühlengswiese spazieren ginge. Ich weiß gar nicht, ob das wirklich so schön wäre, ich kenne niemand, der schon in dem Fall war, aber man denkt sich halt solche Dinge aus. Ich werde nächstens einen Komponisten meiner Bekanntschaft fragen. ob er beim Komponieren von Prozessionsmärschen tatsächlich solch erhabene Gefühle hat, oder ob er nur daran denkt, was der Marsch ihm in bar eintragen kann.

Auf die frommen Pilger, das halte ich für sicher, übt der Prozessionsmarsch eine gewaltige Wirkung aus. Er leiht ihrem Gemüt die Schwingen, auf denen sie sich in die Gefilde ihrer Wünsche und Träume vorwärts und hinauf tragen lassen. Der kleine Jangeli sieht vor seinem inneren Auge das Schaufenster blinken und blitzen, in dem das Messer seiner Wahl, sein Ideal von Messer liegt. das er sich vielleicht von seinen Kegeljungenersparnissen wird kausen können. Die Mary sieht im Geist ihren Freier um die Ecke kommen, dem Herrn Pfarrer erscheint auf der Folie der Töne wie auf leuchtendem Goldgrund das Bild, wie er mit Jugendfreuden in der Lese bei einer Flasche Untermoseler und einer besseren Zigarre sitzt, das alte Mütterchen läßt ihr „Griezeischtemarja“ hoffnungsvoll von den mächtigen Akkorden hinauftragen vor Gottes Thron.

Am meisten aber haben die Musikanten selbst von dem Prozessionsmarsch. Das blüst sich, wie Honig, schön getragen und voller Schmelz. Und man geht behäbig, fast ist es, als trüge einen das tönende. Meer in santer Strömung mit dahin. Und man läßt seine Serle an den Ranken der Melodie hochklettern, wie Münchhausen an der Bohnenranke bis in den Mond geklettert ist. Man fühlt sich als Mittelpunkt, man spürt, daß ein Zauber von einem ausgeht, der Zauber des Klangs, der die Seelen löst und die Glieder strafft.

Und zwischen vier Mauern sitzt der Städter und hört plötzlich in den Kreis seiner Gewöhnungen dies Reue, Glanzvolle, Feiertägliche laut und siegreich hereinschlagen. Und er denkt an die Macht des Frühlings, die es fertig bringt, daß auf einmal auch die Menschen blühen wollen. Denn es ist eitel Drang nach Blüte, daß sie jetzt in Klang und Schönheit und Farbe unter der Sonne ziehen wollen und zu einander streben.

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    Katalognummer BW-AK-008-1662