Original

8. Mai 1920

Eine Arbeiterriege der Telephonverwaltung war damit beschäftigt, ein armdickes Kabel zu verlegen. Der Werkführer rief einen Monteur an, der ihm auf elsässisch ein bischen stramm antwortete. Der junge Mann hatte den Habitus eines Intellektuellen, ein blasses Vogelgesicht, stechende Augen, einen unwilligen Ausdruck. Aber der Werkführer ließ sich nicht imponieren und deckte ihn zu mit der ruhigen, aber energischen Bemerkung:

„Wir schaffen hier mehr gemällich.“

Ob der Fremdling der laxativen Wirkung dieses Ausspruches zugänglich war oder nicht, konnte ich nicht ermitteln. Ich glaube kaum. Er sah dafür zu unentwegt aus. Es würde mich nicht wundern, wenn er zu den Vielen gehörte, die als junge Akademiker oder fertige Ingenieure vor sechsthalb Jahren in den Krieg ziehen mußten und jetzt aus ihrer Bahn geworfen als Arbeiter ihr Leben fristen.

Doch nicht von diesem fremden Mann und seinem Geschick wollte ich reden, sondern davon, wie in allen Mundarten der kategorische Imperativ sich herabmildert, wie alle der alten Völkerweisheit Recht geben, daß keine Suppe so heiß gegessen wird, wie sie gekocht wurde.

Das kommt daher, daß die Menschen, deren Muttersprache die Mundart ist, viel näher an der Natur leben, als die, die die Büchersprache reden. Sie wissen, daß mit Gewalt nichts erreicht ist, daß man den Dingen Leine geben muß, daß sie sich nicht befehlen lassen. Sie „schaffen mehr gemällich“. Darum klingt ein und derselbe Satz ganz anders in korrektem Hochdeutsch z. B., wie in irgend einer Mundart. Nachgiebiger, wenn auch nicht mit weniger Nachdruck. Weniger viereckig, weniger starr und spröde. Er läßt mit sich reden, er setzt sich in Homdärmeln zu den Leuten. Was zu hochnäsig und feiertäglich klingt, umschreibt er, für alles findet er die Form, die dem Volk eingeht.

Ich möchte wissen, ob es noch Pfarrer im Lande gibt, die Sonntags auf Luxemburgisch ihre Gemeinde anpredigen. Früher gab es sie hie und da, und es waren, wie die alten Leute versichern, nicht die schlechtesten. Ich habe hier keine Lust, den neuen Klerus dem alten gegenüberzustellen und ein Facit zugunsten des einen oder des andern zu ziehen. Aber ich habe einzelne dieser alten Exemplare gekannt und muß sagen sie hatten ihr Gutes. Zu diesem Guten gehörte eben ihre Gepflogenheit, auf luxemburgisch zu predigen. Die Gemeinde verstand sie ganz sicher, und sie ließen sich zu keinerlei Verstiegenheit verleiten, hinter der die guten Leute Gott weiß was vermuten und die nachher als Ungeheuerlichkeiten herumerzählt werden. Sie sagten schlecht und recht, was sie zu sagen hatten. Das beste Mittel nebenbei, sich zu vergewissern, ob man den Leuten etwas zu sagen hat, ist eben, daß man versucht, es auf luxemburgisch zu sagen. Geht das nicht, so soll man ruhig an einem andern Ende anfangen.

Vor meiner Zeit wirkte daheim der gute alte Herr Alberty. Er ist in der Mitte seiner Schäflein gestorben und hat sich auch dort begraben lassen. Es langte nicht zu einer Villa und zu Renten. Der gute alte Herr Alderty, wie ihn die, die ihn kannten, noch immer nennen, pflegte auch auf luxemburgisch zu predigen. Hier ist eine seiner Kirmespredigten. Der Kirmesheilige war der ungläubige Apostel Thomas. Sind meine engeren Landsleute durch die Bank Skeptiker, weil der Hl. Thomas ihr Patron ist oder haben sie ihn gewählt, weil sie geborene Skeptiker sind? Kurzum, der gute alte Herr Alberty erzählte der Gemeinde das Evangelium des Tages, und die Szene zwischen den Aposteln und ihrem ungläubigen Kollegen stellte er folgendermaßen dar: „Thommes, soten de’ aner, merr hun den He’er gesiehn! - Waat, s@ den Thammas, waat hut derr gesiehn? En Dreck hut derr gesihn, daat hut derr gesiehn!“

Es gibt keinen Sprachkünstler, der in einer Schriftsprache den Charakter dieses Zweiflers unter den Aposteln einer Versammlung einsacher Menschen so deutlich machen könnte, wie es der gute alte Herr Alberty mit diesen Worten getan hat. Und wie muß nachher der arme Thomas beschämt und begossen dagestanden haben nachdem er sich so ablehnend verhalten hatte und der Herr ihm seine Gegenwart so zweifellos handgreiflich machte!

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    Katalognummer BW-AK-008-1663