Der Herr Kammerpräsident kann sich der Unterbrechungen schier nicht mehr erwehren.
Von allen Seiten fliegen sie auf den Redner zu, wie die Amseln auf den Kirschbaum.
Kaum ist eine durch einen Ordnungsruf heruntergeschossen, so fliegen sechs andere auf denselben Ast.
So kann es nicht weiter gehen. Es muß in der inneren Ordnung unserer Kammer eine durchgreifende Reform eintreten.
Ich habe eine Idee: Wenn jeder seine Rede singen müßte, statt sie zu reden? So ungefähr, wie die Geistlichen das Evangelium singen?
Hat das Kammerbüro noch nicht über das Thema nachgedacht: „Das Parlament als Männergesangverein“?
Es steckt voll ungeahnter Möglichkeiten und ich bin sicher, die Umsetzung dieses Gedankens in die Praxis würde aus der staubigen, stinkenden Arena unserer Politik einen Paradiesesgarten machen.
Die Regelung der Parteiverhältnisse zum Beispiel würde zur einfachsten Sache von der Welt. Die Majorität wäre der erste Tenor, die Opposition der Baß, die Zwischenparteien, wie Prüm und Kappweiler wären der 2. Tenor und 1. Baß. Das Ganze hätte Interesse an der richtigen Stimmenverteilung, und das Resultat wäre eine Harmonie ohne Ende.
Und nun die Hauptsache!
Bis jetzt ist das Parlament die Stätte, wo immer nur einer allein reden darf. Jede Unterbrechung, jeder Versuch, zu zweien, sechsen, siebzehn oder mehr zu reden, wird sofort als eine Verletzung des Reglements empfunden und vom Vorsitzenden gerügt.
Sobald aber das Parlament als Männergesangverein ausgebaut ist, hört diese Unzuträglichkeit auf. Dann sind alle Formen des Vortrags zulässig. Der Redner kann z. B. über das Enregistrement oder die Reform des Hebammenwesens oder über die Holle@cher Gasrevolution ein Solo vortragen, dem alle andern andächtig zuhören. Oder es kann ein Solo mit Brummstimmenbegleitung sein, oder es kann eine Stimme, d. h. eine Partei, eine Rede als Unisono vortragen, oder als zweistimmigen Satz mit einer verbündeten Stimme, oder mit kontrapunktischem Gegengesang der andern Parteien. Oder aber, bei feierlichen patriotischen Gelegenheiten, wenn die Kammer in der Liebe zum Land oder im Haß gegen den Feind einstimmig ist, kann sie dies vierstimmig zum Ausdruck bringen, so paradox es auch klingen mag, daß Vierstimmigkeit die beste Art wäre, Einstimmigkeit auszudrücken.
Mit der Zeit könnte es dahin kommen, daß alle rednerischen Vorträge durch Orgelbegleitung gehoben würden. Nur etwaige sensationelle Mitteilungen der Regierung geschähen a capelia, wie im Zirkus die Bravourstücke der Akrobaten. Die Orgelbegleitung hätte der Greffier zu übernehmen. Kandidaten für diesen Posten müßten sich im Orgelspiel prüfen lassen. Die Stenographen würden abwechselnd den Balg treten.
Später, wenn das Frauenstimmrecht weiter seine Früchte getragen haben wird, kann aus dem Männergesangverein ein gemischter Chor werden. Ich bin überzeugt, daß Frau Thomas eine allerliebste Singstimme hat. Man würde bei den Wahlen auf das Organ der Kandidatinnen und Kandidaten Rücksicht nehmen. Die Herren z. B., die sich draußen als Kirchensänger ausgezeichnet hätten, wären dadurch erheblich im Vorteil.
Der Herr Vorsitzende wäre nicht mehr darauf angewiesen, mit Unterstützung der Herren Sekretäre vermittels einer Holzkeule und eines Pultdeckels einen mißtönenden Lärm zu veranstalten, um die geistreichsten Unterbrechungen sozusagen im Mutterleib zu ersticken, er stände, ein zweiter J. A. Müller, auf seinem Podium, mit seiner Keule als Taktstab das Ganze dirigierend, hier besänftigend, dort ermunternd.
Von da zu einer Uniform, einer Fahne und einem alljährlichen Stiftungsbankett wäre nur ein Schritt. Das Parlament als Männergesangverein hätte jeden Sonntag die schönste Gelegenheit, sich unters Volk zu mischen. Heute wäre Fahnenweihe in der Schlinder, morgen Stiftungsfest in Hinkel, übermorgen Feuerwehrkongreß hier, überübermorgen Festival da. Und statt daß einzelne streberische Abgeordnete sich bei solchen Gelegenheiten in die Menge mischen und Reden halten und den andern das Wasser abgraben, ginge die Kammer hübsch sein in corpore zu all diesen Festen, mit den HH. Schammel und Rollinger in Frack und Amtskette an der Spitze, dahinter Herr Bervard als der Schönste mit der Vereinsfahne.
Und das Volk wüßte, was es an seiner Kammer hätte.