Schlagt den Schlendrian tot!
Die Verwünschungen und Flüche der Staatspensionierten stiegen gestern wie eine Stichflamme gen Himmel, als ihnen an den Schaltern der Zentrallasse erklärt wurde, es sei wieder nichts für sie da.
Seit Januar warten sie auf ihre Pensionszulagen. Am 1. Mai hieß es: Kommt am 1. Juni wieder. Und gestern: Bedauere sehr, es ist immer noch keine Anweisung da.
Die Freude der Pensionierten über die Zulage hat sich inzwischen mit jedem Monat verwässert. Geld hat die Eigentümlichkeit, daß es erst Wert bekommt, wenn man’s hat. Kredit ist schön, aber Pensionierte wissen mit Kredit nichts anzufangen. Erstens ist es demütigend, daß man beim Krämer das Notwendige monatelang auf Borg entnehmen muß und so einigermaßen von der Gnade des Ladners abhängt. Und zweitens hat jemand, der nicht auf einem sicheren Geldschrank sitzt und von der Hand in den Mund lebt, nicht halb soviel Freude an einem Genuß, wenn er ihn sich erpumpen muß, als wenn er bar auftrumpfen kann. Die Summen, die er nachträglich dem Geschäftsmann auf den Tisch zahlen muß, tun ihm so leid, als hätte er nichts dafür gehabt, denn der Geschmack von dem Brot und Fleisch und Kaffee und Reis, die er nach Monaten bezahlt, hat er längst vergessen.
Außerdem ist die Barwirtschaft das sicherste Mittel dagegen, daß einer über seine Verhältnisse lebt und verschuldet, und schon deshalb sollte die Regierung alles tun, was sich überhaupt tun läßt, damit die fälligen Zulagen auf die Stunde ausbezahlt werden können.
Bei den Pensionterten kommt noch eine andre Erwägung hinzu. Ich wünsche ihnen allen ein recht langes Leben, damit sie ihre Pension nach Wunsch auskosten können, aber ich verhehle mir nicht, daß mit diesem Wunsch gegen das Geschick, das jedem bestimmt ist, wenig ausgerichet sein dürfte. Wenn einer schon die sogenannte Altersgrenze überschritten hat, rechnet er mit jedem Halbjahr als mit einem ansehnlichen Bruchteil, der ihm noch bestimmten Lebensdauer. Und wenn er sechs Monate auf eine Zulage warten muß. mit der er sich das Dasein ein klein wenig angenehmer gestalten könnte, so ist das vielleicht die Hälfte. vielleicht ein Drittel oder ein Viertel des ganzen Anspruchs, den er noch an das Leben hat. Und wenn er gar stirbt, ehe die Auszahlung erfolgt, so ist er um die ganze Wohltat der Zulage betrogen. Denn das nimmt doch keiner an, daß unsre Pensionierten ihr Einkommen in Sparstrümpfe stecken. Sie brauchen es blutnotwendig zum Existieren, und sie werden positiv geschädigt, wenn sie darauf sechs Monate und länger warten müssen.
Die Regierung hätte unbedingt dafür sorgen müssen, daß die Auszahlung früher erfolgen konnte. Gewiß, die endlosen Umrechnungen erfordern Zeit. Aber wenn in einem Privatbetrieb ein Fall, wie dieser eintritt, so werden eben Doppelschichten gemacht, damit auf den Tag die Arbeit fertig ist.
Die Schuld liegt an der Regierung, natürlich.
Es hat niemand Hrn. Neyens im Verdacht, daß er mit seinem Personal auf der faulen Haut liegt. Es scheint sogar, daß Nachtschwärmer sich aufregen, weil zu spätesten Stunden die Fenster des Finanzdepartements noch hell erleuchtet sind. Aber wenn trotz der Überstunden die Frist zu knapp war, so mußten genügend Hilfskräfte eingestellt werden.
Der heilige Bürokratius muß sich eben mit dem Gedanken vertraut machen, daß das Recht auf die Pensionszulagen von ihm nicht teilweise durch Verschleppung entwertet werden darf. Wenn der heilige Bürokratius zum Schlendrian wird, so ruft das Volk mit Recht: „Schlagt den heiligen Bürolratius tot!