Original

6. Juni 1920

Aus der Zeit, da Goethe während der Kampagne in Frankreich durch unser Land kam, befindet sich im Besitz einer Familie aus Grevenmacher ein Brief, der von einer Persönlichkeit aus der Umgebung des Dichters herrührt und in dem das Familienfest beschrieben wird, das wir mit „den Hel obhänken“ bezeichnen.

Es wird meine Leser interessieren, einige Auszüge aus dem wertvollen Schriftstück kennen zu lernen. Der Brief ist an Verwandte im Rheingau gerichtet und von Ende August 1792 datiert.

„So kurz unser Aufenthalt in G. bemessen war, so bot sich mir doch eine glückliche Gelegenheit, von den Sitten der Gegend ein besonderes Stück in liebenswürdigster Umrahmung mit zu genießen, was denn um so freudiger und dankbarer hingenommen wurde, als die Gelegenheit, mit Menschen, die einem innerlich anstehen, zusammen zu sein, aufs harmonischste mit dem Ausdruck der Landschaft sich verband.

Gleich bei unserer Ankunft fand ich die Lage des Städtchens, als eines solchen, sehr angenehm von Wiesen, Gärten umgeben, in einer heiteren Fläche, von der Mosel teils in spiegelnder Glätte, teils in hastigem Vorbeiströmen berührt, zwischen näheren und ferneren Hügeln, die an den der Sonne zugetehrten Hängen mit Reben bepflanzt sind.

Indem ich am ersten Morgen vor unserm Quartiers @menierte und dem Treiben der Edelleute, meist @wigsritter, zusah. aus denen das Korps Emigrierter bestand, hatte sich eine Gesellschaft angesammelt, gemeinsam nach der Umgebung aufzubrechen. Es waren ansehnliche Frauenzimmer und junge und altere Mannsleute. die in Erwartung eines heiteren Tagewerkes sich mit Necken und spaßhaften Redensarten Kurzweil verschafften. Ihr Wesen gefiel mir und ich frug kurzerhand einen jungen Mann von schlanker Gestalt und glücklicher Gesichtsbildung, nach den Umständen, der im Augenblick mit halber Stimme ein Lied in den Kreis gesungen und damit die ausgelassenste Laune der übrigen geweckt hatte. Da erfuhr ich denn, daß sich die Gesellschaft rüstete, in der Nachbarschaft eine Familienseier eigenster Art zu begrüßen.

So in unsern heimischen Landstrichen jemand von Haus und Familie in symbolischen Ausdrücken redet, ermangelt er nicht, den Herd als Sinnbild der sämtlichen Häuslichkeit voranzustellen. Woraus denn die Bedeutung der Feuerstelle für Bequemlichkeit, Ernährung und Geselligkeit der Hausgenossen gar @klich hervorleuchtet. In solcher Andeutung des Wesentlichen geht das Volk in diesen Gegenden nun aber noch einen Schritt weiter, indem es über die Feuerstelle hinaus nach einem engeren Sinnbild greift, wie es mir denn in seinem ganzen Sinn gar sehr auf das Positive und Deutliche gerichtet zu sein scheint. Als sotanes Sinnblid hat es den Kesselhaken gewählt, der über der Feuerstelle hängend den Kochkéssel zur gemeinschaftlichen Bereitung der Kost für die Hausgenossen trägt, also daß er an den sägeförmig am Hacken befindlichen Zähnen je nach dem Bedürfnis und Umständen hinauf oder herunter bewegt werden kann. Darin, daß mit dem aufgehängten Kochkessel das Haupterfordernis einer gefestigten Häuslichkeit erfüllt und dieses Ereignis gewissermaßen als Grundlegung des Familienlebens gefeiert wird, erblickt’ ich eine gar faßliche Darstellung des Gedankens von der Wichtigkeit dieses Hausgerätes.

Indem ich, in das Gespräch hinein gezogen, mich ehestens in den Fluß der Stimmung einzufügen bestrebt war, erschien um die Ecke eine Kutsche, deren Gespann von dem Besitzer des Hauses gelenkt wurde, in dem die Feier bevorstand. Ich vergaß zu sagen, daß sie in der Volksmundart, so hier weit herum und über die Gränze der Mosel weg von männiglich geredet wird, mit der seltsam klingenden Redensart bezeichnet wird: den Hel obhänken.

Im Nu war ich mit dem freundlichen Besitzer der Equipage bekannt gemacht, in dessen Wesen sich große Lebhaftigkeit und Unternehmungsluft mit Ruhe und verhaltener Kraft zu vereinigen schienen. Die Gesellschaft brachte sich bei munterer Wechselrede auf dem Fuhrwerk unter und das Bestreben der Geschlechter, sich nach Neigung und Gefallen zu einander zu finden, war nicht lebhafter und eindringlicher vorzubilden.

In währender Fahrt hatte ich Muße, den Reiz der Landschaft genußreich in mich aufzunehmen. Das Fuhrwerk fand die Mosel hinauf ein leichtes Fortkommen. Die Krümmung der Gewässer, das Auf- und Absteigen des Erdreichs, eine üppige Vegetation gaben ihr Lieblichkeit und Würde.

Das einladende Anwesen, dem wir entgegen fuhren, denkt Euch am Fuße sanft ansteigender Hügel, die mit Wein bestanden in gewelltem Schwung sich einer ragenden, zerklüfteten und wild bewachsenen Felswand entgegenhoben und auf ihren Rücken eine malerische Mannigfaltigkeit größerer und kleinerer Gebäude tragen, die rötlich getüncht in malerischer Wirkung von dem grünen Grunde abstachen. Ein Sturzbach, am Fuß der Felswand entsprungen, ergoß sich rauschend ins Tal und bildete zwei klare Bassins, um die sich sofort ein Teil der Gesellschaft mit mancherlei Angelgerät ergoß. Ich hatte nicht lange dem Spiel zugeschaut, als ich bemerkte, daß die Fischlein, indem sie sich bewegten, verschiedene Farben spielten und der freundliche Hausherr mir auseinandersetzte, daß es Forellen waren, die er mit merklichem Erfolg in seinen Weihern züchtete. Indem hatte sich die Dame des Hauses zu uns gesellt und bewegte sich in dem munteren Kreise so teilnehmend wie anregend, ganz ein Bild sanfter und anmutiger Weiblichkeit, die mit verborgenem Einuflß die Stimmung durchdrang und durch ihre sichtbare Genugtuung über die muntere Geselligkeit in der Art edelster Gastlichkeit die Freude der Teilnehmer an dem schönen Tag erhöhte ....“

Hier bricht der interessante Brief ab. Vielleicht fördert ein glücklicher Zufall einmal die Fortsetzung zutage.

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    Katalognummer BW-AK-008-1686