Herein!
Ein freundlicher junger Mann klinkt die Türe auf, zieht ein geschwollenes Kuvert aus der Brusttasche und sagt mit gewinnendem Lächeln:
„Ich wollte fragen, ob Sie dies nicht in die Zeitung „eindrucken“ wollten.“
Er reichte mir das Manuskript, das ich entfaltete und zu lesen begann, während ich ihn mit einladender Gebärde auf einen freien Stuhl dirigierte.
Er setzte sich und sah mir erwartungsvoll in’s Gesicht.
Ich las: „Frankreich im Westen, Deutschland im Osten Europa’s ...“
Was wollen Sie damit sagen, junger Mann? Das klingt mir höchst verdächtig! Mein Intellekt ist durch eine Polemik der @ten Tage für diese Dinge erheblich geschärft worden, und ich bin entschlossen, in unsern Spalten keinerlei Zweideutigkeit mehr zu dulden!“
„Wieso!“ tat er verblüfft. „Frankreich im Westen ... lesen Sie bitte weitet.“
„Und Deutschland im Osten“, sagte ich. „Jawohl, das heißt doch offenbar, daß Sie Frankreich auf die Seite der sinkenden und Deutschland auf die Seite der aufgehenden Sonne festnageln wollen!“
„Aber ich bann doch nicht sagen: Frankreich im Osten und Deutschland im Westen!“
„Hören Sie, das sind plumpe Ausflüchte, teutonischer Geist-Ersatz. Und was soll denn dies hier wieder heißen: Frankreich mit seinen 42, Deutschland mit seinen 70 Millionen Einwohner!“
„So lesen Sie doch um Gottes Willen weiter!“
„Ich danke! Ich habe genug! Sagen Sie mir nur, wie kommen Sie dazu, über Frankreich und Deutschland zu schreiben? Und noch dazu in diesen Ausdrücken!“
„Mein Herr, ich bitte! Ich liebe Frankreich ....“
„Sie lieben Frankreich! Hahaha! Haben Sie dazu ein Necht?“
„Aber ich dächte doch ...!“
„Sitzen Sie in einem elfenbeinernen Turm, junger Mann?“
„Ist das der elfenbeinerne Turm aus der Lauretanischen Litanei? furris eburnes! Domus aurea?“
„Tun Sie nicht, als ob Sie nicht Bescheid wüßten’ Sie wollen über Frankreich reden ...“
„Bitte sehr, ich habe für Frankreich geblutet. Ich habe bei Belley-en-Santerre als Legionär gefochten ...!“
„Das können viele sagen. Sind Sie dreimal zum Tode verurteilt wegen Spionage für Frankreich, ohne je spioniert zu haben?“
„Nein, aber ich bin zweimal durch’s Bein und einmal durch die Lunge geschossen.“
„Sehen Sie! Und da wollen Sie mitreden! Wissen Sie denn nicht. daß nur Einer im Land ist, der über Frankreich reden darf, ohne in den Verdacht zu kommen, es heimlich zu verraten, vielleicht unbewußt! Dieser Einzigeime sitzt in einem elsenbeinernen Turm und außer ihm ist keiner, der die lateinische Grazie und den gallischen Geist besitzt, er genießt nie eine Speise, die auch in Deutschland bereitet wird, er perhorresziert alles, was einem Humpen ähnlich sieht. Und wenn ich morgen Ihren Artikel veröffentlichte, stände ubermorgen in der „Independance Luxembourgeoise“, wir hätten Frankreich wieder einmal mit Haß und Spott getränkt, und wir hätten gesagt, es pfeise auf dem letzten Loch!“
„Ist der Mann verrückt!“
„Unseliger! Wie können Sie den größten französischen Dichter. Philosophen, Stylisten, Helden, Patrioten, Patrizier und Mann Luxemburgs verrückt nennen!“
„Einen Bandwurm hat er jedenfalls. Wie lange kann das noch dauern?“
„Ich bin nicht Spezialist in Bandwürmern. Aber ich habe immer gehört, ein Bandwurm dauert so lange, bis der Kopf kommt.“
„O weh! Dann kann’s noch lange dauern. Denn bis jetzt ist noch nichts gekommen, was nach Kopf aussah.“
„Ich weiß nicht, junger Mann, ob ich in meiner Gegenwart solche Ausdrücke gegen einen alten Freund dulden darf.“
„Gut, also Schluß! Aber wenn Sie meinen Artikel über Frankreich-Deutschland nicht aufnehmen wollen - hier hab’ ich auch einen über Luxemburg. Wie wär’s mit dem?“
„Sind Sie qualifiziert, um über Luxemburg zu schreiben?“
„Sie wollen mich frozzeln! Ich bin Stockluremburger, ich kann meine luxemburger Vorfahren bis in die Zeit des Grafen Siegsried hinauf nachweisen, sie waren immer in einem Umkreis von zwei bis drei Stunden um Luxemburg ansässig. Ich bin im Land aufgewachsen und von klein auf rauh und schlau mit Luxemburgern erzogen, ich bin Luxomburger und will und wollte immer Luxemburger bleiben, meine Wurzeln liegen hier, - und Sie bezweifeln, ob ich qualifiziert bin, über Luxemburg zu schreiben! Herr! Ich glaube, Sie .......!“
„Regen Sie Sich bitte nicht auf. Ich werde Ihren Aufsatz prüfen. Gegebenenfalls werde ich ihn in dem vorhin erwähnten elfenbeinernen Turm abstempeln und auf französisch übersetzen lassen. Dann dürfen wir ihn vielleicht veröffentlichen, ohne uns der Gefahr auszusetzen, daß man uns verdächtigt, mit esprit boche und lourdeur teutonne unheilbar geschlagen zu sein.
Er ging kopfschüttelnd hinaus. Er ist noch jung und kennt das Leben noch nicht. Man lernt nie aus.