Original

24. Juli 1920

Unter den vielen Wünschen, Anregungen, Empsehlungen, Ferderungen, die in diesen Tagen im Lauf der Büdgetdebatten auftauchten, war ein Vorschlag, der sich durch Großzügigkeit auszeichnete.

Es war der Vorschlag der Frau Thomas, daß in sämtlichen Schulen des Landes Schwimm-Unterricht erteilt werden soll, um die Kinder vor der Gefahr des Ertrinkens zu retten.

Ich mache mir den Vorschlag zu eigen und spinne ihn etwas weiter aus. Denn Frau Thomas hat bloß den Grund gelegt, sie hat den Anstoß gegeben. Ihr gebührt das Verdienst, daß sie zuerst den Gedanken gedacht hat.

Ich beginne den Ausbau ihrer Idee damit, daß ich beantrage, sämtliche schwimmbaren - wenn ich so sagen darf - Flüsse des Landes sollen in der Weise umgeleitet werden, daß sie alle Ortschaften bespülen. Denn es genügt nicht, daß die Schulkinder am Lauf der Mosel, Sauer, Our, Alzette, Eisch und Attert entlang Schwimmgelegenheit haben, daß sie in Schengen, Wormeldingen, Walferdingen, Biwels, Bissen, Ansemburg usw. ihre Glieder in der kühlen Flut erquicken und stählen können, auch in Hosingen, Weiswampach, Hüpperdingen usw. soll bequeme Badegelegenheit in leicht erreichbarer Nähe geschaffen werden. Und das ist nur möglich, wenn der nächste Fluß zu der kleinen Umkehr gezwungen wird. In jedem Dorf eine Schwimmhalle errichten, würde schon zu kostspielig, die Flußregulierung ist viel praktischer.

Wenn es Frau Thomas einzig und allein darum zu tun gewesen wäre, daß durch den Schwimmunterricht die Kinder vorm Ertrinken bewahrt werden sollten, so wäre ihr Vorschlag ein Stück nebens Loch gewesen. Denn das allersicherste Mittel, nicht zu ertrinken, besteht darin, daß man nicht ins Wasser geht. Das scheint das Mittel zu sein, das vorwiegend ein Kollege der Frau Thomas, Herr Jacoby, empsiehlt. Er geht offenbar davon aus, daß man schon in einer Badewanne ertrinken könnte, weshalb er gegen die Badeeinrichtung im Staatslaboratorium energischen Protest einlegte.

Aber es war Frau Thomas vornehmlich darum zu tun, daß sich die Kinder ans Wasser gewöhnen, daß sie sozusagen auf dem herrlichen Instrument Wasser spielen lernen, daß beim Schwimmen ihre Glieder sich strecken, ihre Brustkasten sich weiten, ihre Poren atmen.

Und da muß man ihr rückhaltlos beipflichten, wenn sie auch in ihrem Antrag etwas weit geht und gewissermaßen das Kind mit dem Bade ausschüttet.

Wenn es Menschenkinder gibt, die fern vom Wasser aufwachsen, die die Wonne des stundenlangen Herumpaddelns in klarer Flut und der köstlichen Müdigkeit darnach nicht kennen gelernt haben, denen es nicht gegönnt ist, daß sie den Schweiß des Tagewerks am Abend in erquickendem Freibad abspülen, in deren Erinnerungen das Wasser, das sonnbeglänzte, windgekräuselte Wasser keine Stelle einnimmt, so sind sie zu bedauern.

Aber noch tiefer bedaure ich die armen Kinder, die am klaren, strömenden Wasser aufwachsen und denen der Herr Lehrer und der Herr Pfarrer unter Androhung von Höllenstrafen das Baden verbieten. Sie haben vollkommen recht, wenn sie sich an das Berbot nicht kehren, wenn sie auskundschaften, ob die wasserscheuen Pädagogen nicht in der Nähe sind und sich dann jauchzend kopfüber in das lockende Element stürzen.

Denn es lockt, wie die Sünde. Und ein Teil seines Zaubers ist die Unheimlichkeit, die in ihm wohnt. Es trägt Dich, wie Engelsflügel, einzig das Schwimmen gibt Dir annähernd das Gesühl des Fliegens, des Schwebens im Naum, aber Du weißt, nur ein Spinnweb trennt Dich vom Tod.

Vielleicht läßt sich die Idee der Frau Thomas doch noch verwirklichen. Es gibt einen mechanischen Ersatz für reiten und rudern. Warum nicht für schwimmen? Warum soll unsre Schuljugend nicht auf dem Trocknen, mit dem Bauch auf einem Kissen schwimmen lernen? Eine Amerikanerin macht zurzeit für das System eine Riesenreklame. Und amerikanisch zieht allemal.

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    Katalognummer BW-AK-008-1726