Ein Weltsuperlativ sein ist ein erhebendes Gefühl. Schon mit einem solchen direkt zu tun haben, ist nicht alltäglich. Die schönste Frau, der größte Dichter, der reichste Mann der Welt, wie das klingt! Am nächsten Sonntag muß uns ein solches Gefühl des Stolzes überkommen. Da wird in Mondorf einem Landsmann ein Denkstein gesetzt, und dieser Landsmann war der stärkste Mann der Welt.
Der schönsten Frau und dem größten Dichter kann man ihre Einzigkeit und ihren Superlativ streitig machen, indem man sich auf den Geschmack beruft. Der Titel des stärksten Mannes aber läßt sich an der Zahl der Kilogramme prüfen, die er reißt, stemmt, stößt oder drückt. Und da wissen wir aus zahlreichen Zeugnissen, daß John Grün aus Bad Mondorf im Luxemburgischen soviel Pfunde bewältigte, wie kein anderer Zeitgenosse, und daß er wirklich der stärkste Mann der Welt war.
Es ist schon sehr lange her - dreißig Jahre beiläufig - seit ich ihn kennen lernte und zuerst in die Zeitung brachte, und es ist noch länger her, seit ich zuerst von ihm roden gehört hatte.
Das war am Tag nach dem Abend, wo er an der Mondorfer Kirmes eine Stube voll Gäste durch Tür und Fenster auf die Straße geworfen hatte und nach Amerika entwichen war, wo seine Laufbahn als Berufsathlet begann.
Zur Feier des Tages erzähle ich eine Geschichte, die bisher noch in keiner Zeitung und keiner Broschüre gestanden hat.
Es war an einem schönen Oktobertag, so um das Jahr 1896 herum, als ich mit einem guten Fround auf einer Radtour gegen Abend in Diedenhofen landete. Wir aßen in einem Lokal zunacht, das ein Luxemburger bewirtschaftete und zu dem ein großer Theatersaal mit Dependenzien gehörte. Auf einmal stand Fround John vor uns und neben ihm sein Partner Marx aus Amerika, der ihm lange Zeit seinen Namen geliehen hatte und mit dem er damals an der Schobermeß in Luxemburg aufgetreten war.
Wir tranken zusammen Kaffee mit einem Tresterschnaps und spielten ihn auf der Kegelbahn aus, die sich an einer Seite des Theatersaals befand. Nachher ging das Spiel um einen kleinen Einsatz weiter. Zwei fremde Gäste hatten sich eingestellt, eine Zeitlang unserm Spiel zugesehen und dann gefragt, ob sie mithalten dürften. Warum nicht? Sie sahen nicht sehr vertrauenerweckend aus, aber man ist doch nicht exklustv, zumal wenn man sich, wie John Grün, die Welt um die Ohren geschlagen hat. Die beiden unbekannten Partner trugen schlotternde Samthosen mit roten Gürteln und Mützen ganz in der dazu gehörigen Form.
Das Spiel hatte ein paarmal nacheinander gestanden, sodaß der Einsatz erhoblich aufgelausen war. Er begann, des Schweißes der Edeln wert zu werden, und je näher die Entscheidung kam, desto größer wurde die Spannung, zumal der zwei Samthosenmänner.
Ich war der Letzte am Spielen. Meine erste Kugel warf sieben. Einer der Fremden war hoch mit acht. Als ich zum zweiten Wurf ausholte, stand dessen Kamerad hinter mir und kam mir so nahe, daß ich ihn mit der Hand anstieß und meine Kugel fehl ging. Ich sagte, ich werde selbstverständlich eine andere Kugel werfen. Die zwei lachten höhnisch auf, und als ich mich entrüstete, griff der eine mir nach der Brust.
Oh! J see! sagte Marx zu Grün. Und sie teilten sich mit einem Blick in die Arbeit. Was soll ich den Vorgang beschreiben, Es ging so rasch, daß die Nächstbeteiligten sich gar nicht erklären konnten, wie sie überhaupt so hoch in die Luft und dann aufs Pflaster hinausgekommen waren. Erst als sie tags drauf einer Vorstellung der Marx Brothers beiwohnten, wurde ihnen der Zusammenhang klar.