Seit es in der Schöpfung einen Rhythmus und ein lebendes Wesen gab, wurde getanzt.
Tanz ist ursprünglich nur die instinktive, kosmisch bestimmte Einfügung eines Bewußtseinswesens in den Rhythmus des Alls.
Musik erklingt, die wonnevolle Gesetzmäßigkeit der Töne, später auch der Aklorde, weckt das Bewußtsein des Hineingehörens in das ewige, große Schwingen der Schöpfung, und der Körper fügt sich in den Rhythmus ein.
Dem Wesen der Frau entspricht es, daß sie diesem Zauber am stärksten unterliegt und daß sie im Tanz am vollkommensten das Bild jener wonnevollen Gesetzmäßigkeit verkörpert. Sie ist viel aktiver, mit viel stärkerer Solidarität und Verantwortung ein Teil des schaffenden Weltprinzips, als es der Mann ist. Sie gehört, viel wesentlicher, als er, in die lebendige Schöpfung hinein. In ihr vollzieht sich unaufhaltsam das Wunder des Werdens und Wachsens, während der Mann in drohnenhafter Unbeteiligtheit daneben steht. Darum ist das Bedürfnis der Frau, mit den Schwingungen des Alls eng zusammenzuhängen, viel stärker, als beim Mann, und darum ist der Tanz ihr unter Umständen ein Lebenselement. Der Mann geht zum Tanz aus Gründen, die mit der Lust an rhythmischer Bewegung nichts zu tun haben, das Mädchen liebt den Tanz leidenschaftlich um des Tanzes willen.
Tanz ist Anschmiegen, ist Anmut, ist Hingenommensein in ein überragendes Ganze. Darum ist der Tanz nicht eine Angelegenheit des Mannes, dem Kraft höher steht, als Gesetz, der aus Liebe zum Ziel jeden Rhythmus durchbricht, um sich einen graden Weg zu bahnen.
Die Geschichte des Tanzes ist eine Geschichte der weiblichen Grazie, von den Mädchen des ältesten Altertums, die auf Vasen im Tanzschritt dargestellt sind, bis zu Isidora Duncan und Rita Saechetto und den Schülerinnen des Jacques Dalerege und allen Nachahmerinnen, die sich seither als Priesterinnen der Reformation des Tanzes aufgetan haben.
Man kann allein tanzen, wie die Duncan und Sacchetio, man kann zu dreien tanzen, wie die Grazien und die Horen, man kann in Klumpen Cancan und Reigen tanzen, aber was wir heute unter Tanz verstehen, ist der Tanz zu zweien auf einem gebohnten Fußboden zu den Klängen einer Musik von ungleicher Güte.
Das ist indes kein Tanz. Das sind Heiratsbörsen. Die jungen Mädchen freuen sich allerdings noch an dem ursprünglichen Element Tanz, aber die Sorte Männer, die in der Gesellschaft als „junge Leute“ bezeichnet werden, haben zumeist keinen Spaß am Tanzen. Sie kennen ja das Ballgespräch: Sie fragt ihn, ob er gern tanzt. „Leidenschaftlich!“ versichert er. „Warum lernen Sie es denn nicht?“ fragt sie.
Wenn zweie wirklich gut tanzen, mögen sie, wenn es nicht gar zu heiß ist und sie sich dies und das zu sagen haben, Spaß am Tanzen haben. Sehr oft aber ist es nur eine groteske Hopserei, bei der manche Paare derart gegen Ästhetik und Rhythmus sündigen, daß es erlaubt sein müßte, auf sie zu schießen. Das beste Teil haben immer die Zuschauer. Aber in das Element Tanz mischt sich dabei aufdringlich schon jenes andere: Das Verhältnis der Geschlechter zu einander. Es ist ja reizend, wie sich die Bewegungen der Tänzerin graziös folgsam denen des Mannes anpassen, wie ihre Füßchen zierlich denen des Tänzers folgen, wie Blätter im Wirbelwind. „Er soll dein Herr sein! wie stolz das klingt - Geltung hat’s leider nur sehr bedingt!“
Den reinen Genuß am Zweitanz kann man haben, wenn zwei hübsche, gutgewachsene junge Mädchen - two little girls in blue-light, es kann auch eine weiß und schwarz karierte dabei sein - wenn die aus ungemischter Freude an der Hingabe ihrer Körper an Klang und Rhythmus die modernen Tänze durch eben diese Freude an der Sache beleben, wie ein guter Vortragskünstler ein Gedicht.
Die Kirche hat den Tanz in den Dörfern verpönt, weil er die Geschlechter zu allerhand Diebsgelegenheiten zusammenführen konnte.
Warum gehen auf den Dörfern nicht wenigstens die jungen Mädchen zusammen und schmeidigen ihre Körper - und vielleicht ihre Seelen - durch die „wonnige Gesetzmäßigkeit“ des Tanzes?
Auch ein Mittel gegen die Landflucht, Herr Schiltz!