Original

28. Juli 1920

Man muß z. B. einen Zug versäumt haben, mit dem man absolut fahren wollte, um zu begreifen, welchen Dank die Menschheit dem alten Herrn Cambronne schuldet. Du wirst mich gleich begreifen.

Du hast Dir seit mehreren Tagen vorgenommen, am Sonntag mit irgend einer Gesellschaft von Wanderfreunden einen Ausflug zu unternehmen. Abfahrt mit dem ersten Morgenzug. Es fahren Leute mit, in deren Gesellschaft Du für Dein Leben gern den Tag verbringen möchtest. Zum Beispiel die junge Dame in hellbraun, vom letzten Mal.

Wenn Du im Drang der Geschäfte einen Zug fehlst, so ist das sozusagen ein Berufsrisiko und wird in den allgemeinen Unkosten mit verrechnet. Ärgern tust Du Dich darüber nicht.

Aber so aus dem blauen Himmel, unter den oben angedeuteten Umständen zu einem Zug zu spät kommen, das ist zu dumm.

Früh genug aufgestanden bist Du. Deine Morgendouche hast Du im Jauchzen über das herrliche Sonntagswetter über Dich brausen lassen, singend hast Du Toilette gemacht, Dein Morgenkaffee duftet, wie nie, der Tag liegt vor Dir wie sonnige Verheißung. Ein Blick auf Deine Uhr belehrt Dich, daß Du fünf Minuten Spielraum hast. Erst gestern abend hast Du sie vom Uhrmacher geholt, Du kannst Dich unbedingt auf sie verlassen.

So schreitest Du in den taufrischen Morgen hinein, auf die nächste Trambahnhaltestelle zu. Aber siehst Du recht! Da fährt der Wagen grade durch, während Du noch 200 Meter von der Haltestelle entsernt bist. Das kann doch nicht mit rechten Dingen zugehen. Es sind doch noch fünf Minuten, bis er fällig ist! Du gibst Dich ans Laufen. Fern fern, am Ende der langen Bahnhosavenue, ragt der Turm mit der Löwenwetterfahne, leicht vom Morgendunst verschleiert. Du rennst und rennst, die Augen starr auf das Zifferblatt der Bahnhofuhr gerichtet, auf dem Du noch nichts unterscheiden kannst. Und Du rennst und rennst weiter, daß Dich die Schenkel schmerzen. Sechs Uhr fünfundfünfzig fährt der Zug, Deine Uhr zeigt sechs fünfzig. Also!

Jetzt klärt sich die Luftschicht zwischen Dir und dem Zifferblatt droben. Und unerbittlich zielt der große Zeiger auf sechs Uhr siebenundfünfzig. Ein Ruck, und er steht auf achtundfünfzig. Bekannte kreuzen Deinen Weg und feuern Dich an.

„Ist er fort?“ keuchst Du.

„Wohin?“ fragen sie.

Schon stürmst Du vorbei. Andre Bekannte winken: „Langsam, langsam, es kann nichts mehr helfen!“

„Ist der Zug ins Ösling fort?“ rufst Du atemlos im Weiterstreben.

„Alle sind fort,“ lachen sie Dich an. „Ettelbrück, Arlon, alles fort.“

Das ist der Augenblick, wo Dir der alte Herr Camuronne zu Hilfe eilt und Dir zeigt, wo das Sicher- heitsventil liegt, das Du öffnen mußt, um nicht vor Ärger krank zu werden.

Dein zweiter Gedanke fliegt dem abgefahrenen Zug nach. Die Hellbraune schäkert jetzt schon mit dem faden Kerl, dem Huber! Und Du stehst in der Bahnhofhalle und machst ein dummes Gesicht. Dein Ärger wird zur gelinden Wut, die nach einem Opfer sucht. Wer war eigentlich schuld an Deinem Mißgeschick? Rechtzeitig geweckt warst Du, Dein Kassee stand pünktlich auf dem Tisch, in Deinen vier Mauern daheim ist der Schuldige nicht zu suchen. Halt, die Uhr! Richtig, fünf Minuten geht sie nach! Der Uhrmacher ist der Verbrecher. Er hat gestern abend heimtückisch Deine Zwiebel um fünf Minuten zurückgestellt. Er ist von dem Huber, diesem Cretin, diesem Schuft bestochen!

Mit dem erhabenen Bewußtsein, daß jemand anders Dein Mißgeschick verschuldet, und mit dem erlösenden Gefühl, daß Deine Wut die Richtung auf ein bestimmtes Ziel gefunden hat, begibst Du Dich auf den Heimweg.

Ein Bekannter begegnet Dir, den Fischkorb um und sein Töchterlein an der Seite.

„Ist der Zug fort?“ fragt er gutgelaunt.

„Ja, alle!“ sagst du ingrimmig.

Beide lachen, wie über einen guten Witz, und sagen: „Das ist für heute morgen der dritte, den wir versäumen. Jetzt gehen wir an die Petruß und halten dort unser Picknick.“

Jawohl, Mensch, ärgere dich nicht!

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    Katalognummer BW-AK-008-1729