Wir liegen am Kreuzweg der Nationen, schon lange. Wir sind von allen Völkern der Welt dasjenige, das am internationalsten empfindet, auch schon lange.
Wir hatten zum 14. Juli einen französischen Abend auf dem Paradeplatz und waren über die Maßen begeistert.
Wir hatten zum 20. Juli einen belgischen Abend auf dem Paradeplatz und waren wiederum überaus begeistert.
Wenn jemand an einem lauen Sommertag einen amerikanischen, italienischen, tschecho-slowakischen, polnischen Abend veranstaltet hätte, wären wir ebenso überaus begeistert gewesen.
Wir lieben es, wenn die Völker bei uns zu Gast sind und sich bei uns wohl fühlen, wie zuhause.
Ein Fremder, der uns nicht kännte - und viele lernen uns nie kennen, so lange sie auch unter uns wohnen mögen - könnte sich einbilden, das sei ein Mangel an nationalem Selbstbewußtsein.
Aber es ist das grade Gegenteil. Unser nationales Empfinden wurzelt so tief, daß wir uns allerhand exotische Begeisterungen durch die Krone rauschen lassen dürfen, ohne daß der Baum erschüttert wird.
Am Mittwoch hatten wir nach dem französischen und belgischen einen luxemburger Abend. Der Paradeplatz war zu klein und das Firmament zu niedrig für die Begeisterung der Menge. Wir waren unter uns. Fernand Mertens hatte ein Programm aus alten, neuen und neuesten luxemburger Weisen zusammengestellt. Wo gesungen wird, ist natürlich der Donnens. August dabei, und der Hary darf auch nicht fehlen. Die Tausende um den Kiosk herum waren andächtig, wie in einer Kirche, und wenn der Beifall am Schluß einer Nummer losbrach, war es beängstigend. Gebt uns etwas, worauf wir stolz sein können, ein Eigenes, an dem wir uns mit einander freuen dürfen, und keiner spielt mehr mit dem Gedanken, daß wir uns an die Fremde wegwerfen. nationalen Selbstmord begehen könnten.
Die Größe und Tiefe der Heimatliebe steht nicht im Verhältnis zum Flächeninhalt des Landes, dem man angehört. Die Organisatoren des luxemburger Abends vom letzten Mittwoch haben uns Gelegenheit gegeben, das wieder einmal laut und deutlich zu bestätigen.
Rein musikalisch war das Konzert sehr schön. Aber man darf sich durch den Erfolg nicht verleiten lassen, diese Art von Konzert öfter, als unbedingt nötig ist, zu wiederholen. Der Paradeplatz darf nicht als Musikzimmer, ein Promenadenkonzert nicht als Kammermusik aufgefaßt, die Kapelle darf nicht zum Orchester werden. Sonst zerfällt das Publikum in zwei Teile, die sich beide ärgern: Der eine ärgert sich, weil der andere spazieren geht oder an den Biertischen sitzt und sich unterhält, der andere ärgert sich, weil die Musik nicht bis zu ihm dringt. Und nichts wirkt ungünstiger auf die gute Laune, als das Empfinden, daß irgendwo in der Gesellschaft etwas vorgeht, das nicht für das Ganze bestimmt ist. Es ist, wie wenn in einem Salon einer herumgeht, ein paar Leute in eine Ecke schiebt und ihnen eine Geschichte leise ins Ohr erzählt.
Damit aber unsere vorzügliche Militärkapelle auch in ihren feineren Darbietungen zur Geltung kommt, sollte Fernand Mertens die Konzerte wieder aufnehmen, wie sie vor dem Krieg bestanden. Es gibt Hunderte von Luxemburgern, die es sich gerne ein paar Francs kosten lassen, wenn sie Sonntags oder auch schon Werktags z. B. von vier bis sieben ihr Bier oder ihren Wein bei trefflicher Musik trinken können.