Original

14. Oktober 1920

Die Geschichte einer Stadt ist die Geschichte ihrer Hotels, speziell ihrer Hotelomnibusse.

Ich bin auf das Thema verfallen, weil dieser Tage die beiden eleganten Omnibusse des Grand Hotel Brasseur vor dem Hotel Brosius zur Versteigerung standen.

Ist es Ihnen nie aufgefallen, wie die Hotelnamen aus dem Weiten ins Enge sich konzentrieren? In einem einsamen Nest tut sich ein Hôtel de l’Univers auf. Der Besitzer träumt von Kunden aus dem Weltall. Die Stadt wird größer, das Leben reger, der Verkohr stärker. Aus dem Hôtel de l’Univers wird ein Hôtel des deux Mondes, ein Hôtel de l’Europe. Von dem Weltteil geht der Ehrgeiz des Besitzers zurück auf ein Land - Hôtel de Russie -, auf eine Stadt - Hôtel de Paris -, auf einen berühmten Mann - Lord Warren-Hôtel -, bis er an seinem eigenen Namen vor Anker geht: Grang Hotel Stroblmeyer.

Der erste Hotelomnibus ist in der Regel ein Hausknecht mit einem kupfernen Mützenschild, der am Bahnhof dem Geschäftsreisenden auflauert, der an dem Tag grade fällig ist.

Vom Hausknecht geht die nächste Etappe bis zum Handkarren, dann bis zum wirklichen Omnibus. Erst dem Einspänner, und dann sind wir an dem Hotelomnibus angelangt, der für Luxemburg einen Teil seiner Stadtgeschichte verkörpert. Es war der alte Omnibus des „Kölnischen Hof“. Als Gespann hatte er die zwei Schecken, vielleicht die einzigen im Land. Sie waren weiß und braun, wie oberbayrisches Fleck- vieh, und durch das ganze Land bekannt, weil der alte Bischof Adames damit in seiner Kalesche auf Firmreisen fuhr.

Wenn dieser ehrwürdige Kasten vom Bahnhof über die Brücke und durch die Philippstraße rumpelte, war er unserer Phantasie etwas wie ein Bindestrich zwischen unserer Stadt und der großen weiten Welt da draußen. Man konnte nie wissen, ob nicht irgend ein großes Gemüse aus fremden Landen darin saß, ein König, ein Bischof, gar ein Dichter, ein Victor Hugo, oder ein Rochefort, oder eine Sarah Bernhardt, oder ein Sarasate. Sie alle, die auf der Menschheit Höhen wandelten, fuhren, wenn sie nach Luxemburg kamen, im Omnibus nach dem Kölnischen Hof, und wir konnten sie durch die Scheiben sehen und ihr Bild zitterte und schwankte seltsam in dem großen Spiegel, der im Wagen hing.

Lange nachher kam der erste Omnibus des Grand Hotel Brasseur. Man staunte ihn an. Er war elegant, großstädtisch, bezeichnete eine Etappe auf dem Weg des Fortschritts. Der Name P. Beyens stand darauf in Goldbuchstaben, und rechts und links las man: Lift. Daß in Luxemburg jemals ein Hotel einen Aufzug besitzen würde, hielt die frühere Generation für ausgeschlossen, für eine Sünde wider den Geist der Väter.

Ein Omnibus genügte bald nicht mehr, der Strom der Gäste verlangte zwei. Und jetzt sind auch diese durch das Auto überholt.

Vor dem Hotel Brosius standen sie und harrten ihres neuen Besitzers. Wer wird es sein? Ein Postkutschenunternehmer? Werden auf den schwellenden Polstern, auf denen vor dem Krieg amerikanische Millionärinnen saßen, demnächst die Butterfrauen von Leudlingen oder Kopstal sich breit machen? Es tat mir weh um die schönen Wagen. Da standen sie, der Versteigerung gewärtig, wie ein altes Sofa aus grünem Plüsch oder sonst ein altes Möbel. Und sie haben dereinst Leute wie Carnegie, den Prinzen von Orleans, die Tochter Roosevelts und allerhand europäische und überseeische Berühmtheiten getragen. Warum sind nicht ein paar Amerikaner da, um sie für schweres Geld zu erwerben und dem Museum ihrer Vaterstadt zu schenken?

Lebt wohl, Ihr lieben alten Hotelomnibusse! Ich fahre ja auch viel lieber im Auto, aber es gibt Augenblicke, wo man sich fragt, ob man die Zeit der Autos nicht freudig für die hingäbe, da Ihr im Glanz standet.

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    Katalognummer BW-AK-008-1745