Original

13. Oktober 1920

Im Lauf eines Gesprächs über die literarische Produktion unseres Ländchens fiel der Vorwurf, daß wir belletristisch unfruchtbar seien, und die Tatsache wurde auf die Talentlosigkeit derer zurückgeführt, die sich in der Belletristik versuchen.

Das kann allerdings, muß aber nicht unbedingt richtig sein.

Ein Hauptgrund für die nicht wegzuleugnende Unfruchtbarkeit auf diesem Gebiet liegt in der Enge unserer Verhältnisse.

Ein luxemburger Schriftsteller, der in der Mitte seiner Landsleute leben und sterben will, muß auf die reichste Fundgrube verzichten, die dem schaffenden Künstler zu Gebote steht, auf das Leben.

Wer hierzuland Dinge und Menschen in einem Roman z. B. so behandeln wollte, daß die Darstellung der Wirklichkeit auch den Zauber der Wirklichkeit behielte, nur verklärt durch das Talent des Darstellers - ein Stück Natur gesehen durch ein Temperament -, würde schwerlich eines natürlichen Todes sterben. Wenn es sich um andere handelte, würde er gesteinigt, wenn er sein eigenes Innere bloßlegen wollte, würde er verhöhnt und Spießruten getrieben.

Ein Kunstwerk schaffen ist aber nur möglich in enger Anlehnung an Natur und Wirklichkeit. Ein Bild, das ein Maler ohne Modell - de chic - malt, wird in der Regel eine Art Homunculus ohne Frische und ohne Eigenphysiognomie. Ein Buch, das nicht im Milieu des Schriftstellers wurzelt, das aus Buchreminiszenzen, zusammengenotdürftelt ist, bleibt das Werk eines unglücklichen Stümpers. Die stärksten Wirkungen liegen immer in Konflikten, die das Leben selbst schafft, in Vorbildern, die uns das Leben liefert. Und nach solchen Vorbildern arbeiten, ist uns in der Enge unserer Verhältnisse versagt, wenn wir uns nicht auf Schönmalerei beschränken wollen. Wir sitzen zu dicht aufeinander, um uns gestatten zu dürfen, uns gegenseitig den Spiegel vorzuhalten.

Einzelne von uns haben es am eigenen Leib erfahren. Sie haben den schwachen Versuch gemacht, Schicksale von Menschen aus ihrem Kreis künstlerisch zu verwerten und haben Verbalinjurien, Boykottierung, im besten Fall bittere Vorwürfe und die Kündigung langjähriger Freundschaften erlebt. Andre haben nicht direkt geschildert, sondern hier einen Zug, dort einen entlehnt, um daraus ein blutwarmes Menschenschicksal zu gestalten. Denen ging es noch schlimmer. Jeder, der von sich einen Zug in dem Buch entdeckte, hielt sich für bloßgestellt und schwur dem Verfasser ewige Feindschaft. Ich möchte den sehen, der von sich und andern hier schriebe, wie es die Meister des französischen, deutschen, englischen Romans geläufig tun und taten! Einer hat es gewagt, Norbert Jacques, er hatte damit auf seine Heimat verzichtet, schon ehe er sich unter uns durch die bekannte englische Paßgeschichte unmöglich machte.

Wir werden erst dann eine gute luxemburger Belletristik haben, wenn die Verfasser sich auf die Herausgabe nachgelassener Werke beschränken - bei denen übrigens viele noch Rücksicht auf ihre Kinder und Kindeskinder nehmen müßten - oder wenn sie auf die Zuneigung ihrer Landsleute von vornherein pfeifen.

TAGS
    Katalognummer BW-AK-008-1744