Original

21. Oktober 1920

Wenn ich ein Maler wäre, so stünde ich heute im Begriff, ein Meisterwerk zu schaffen. Eine Begegnung auf der Eisenbahn hat den Keim zu einem Meisterwerk in mich gelegt, das ich nur deshalb nicht schaffen kann, weil ich nicht malen gelernt habe.

Aber innerlich habe ich das Bild erlebt. Es besteht, so lebendig und wirklich, wie wenn es im Palazzo Pitti, oder in den Uffizien oder im Louvre oder in sonst einem berühmten Museum an der Wand hinge und im Bädecker drei Sternchen hätte.

Es ist ein Madonnenbild. Von einer Raphael’schen Madonna wird ja auch erzählt, daß er die Skizze dazu nach dem Leben in einer Vigne auf einen Faßboden begeistert hingeworfen habe. Meine Madonna sah ich in einem Schnellzug Milano-Amsterdam. Eine Dame saß mir gegenüber und hatte ein Kind im Arm. Beide schliefen. Das Kind sehr tief, die Mutter so leise, daß sie bei jeder Bewegung des Kleinen die Augen aufschlug.

Die Gruppe war eine so vollkommene Verkörperung des klassischen Begriffs „Madonna mit Kind“, daß die ganze übrige Staffage zurücksank und nur dieser wunderbar bildhafte Anblick sich aufdrängte.

Die Frau - ich nenne sie jetzt lieber Frau, als Dame - saß mir gegenüber ganz allein auf dem Mittelsitz, in der vollen Beleuchtung der elektrischen Ampel. Der Kopf war gegen den in die Ecke geschmiegten Körper leicht seitwärts geneigt. Ein mattweißes Tuch floß in weichen Falten von ihrem braunen Scheitel an den Wangen herunter über die Schultern. Die geschlossenen Wimpern untersingen mit ihrem Schatten das Rund der verhüllten Augäpfel, über denen die Brauen ihre edle Linie zogen. Die starken Backenknochen und der volle Mund deuteten auf Kraft, aber trotzdem Augen und Lippen geschlossen waren, strahlten sie eine grenzenlose Fähigkeit und Bereitwilligkeit zur Hingabe, Güte, Verzeihung, Selbstlosigkeit aus. Es war die Gottesmütterlichkeit, nach deren Ausdruck seit nahezu zwei Jahrtausenden die Künstler streben. Das Kind lag in ihrem linken Arm, während die rechte Hand über das zarte Körperchen hin sich mit der Linken verschränkte. Vom Schlummer gelöst ruhten beide Hände, selbst ein Bild des Schlummers, in einander, wie Geliebte. Rührend war der Anblick der Kinderhände, die von vollkommener Schönheit waren, ohne Mißbildung durch Vererbung oder Mangel an Pflege. Daumen und Zeigefingerchen der einen Hand waren in reinster Linie hinausgestreckt, indes die übrigen Finger leicht gebogen, pflanzenhaft unbekümmert, herunterhingen, die andre lag in reizender Unbeholfenheit mit dem Handrücken nach innen und zeigte die rosenroten, weichen Schwellungen ihres Innern voll im Licht.

Dies reizvolle Bild war in eine beispiellos warme Farbe getaucht. Es zeichnete sich auf dem matten, aber wohltuend hell bestrahlten Hintergrund der braunroten Tuchpolsterung und hob sich davon harmonisch ab mit dem graugelben Mantel der Frau und dem kirschroten Jäckchen des Kindes, alles belebt, gehoben, überschnitten durch das malerisch fallende weiße Kopftuch.

An der Grenze kam ein Zollbeamter und fragte nach Gepäck. Die Madonna erschrak und schickte sich an, mit ihrem Kind auf dem Arm in die Nacht hinaus und an den Packwagen zu eilen. Als sie sagte, sie fahre nach London, durfte sie sitzen bleiben.

Wäre ich ein Maler, ich wäre ihr ganz sicher bis London nachgefahren und wäre jetzt vielleicht im Begriff, eines der schönsten Bilder aller Zeiten zu malen.

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    Katalognummer BW-AK-008-1751