Haben Sie nicht vielleicht gestern oder heute irgendwo zwischen Arsenalavenue und Konstitutionsplatz eine Brillantnadel gefunden? Oder kennen Sie nicht jemand, der einen solchen Fund gemacht hat? Ich wäre in der glücklichen Lage, Ihnen die Verliererin zu nennen und Ihnen Gelegenheit zu geben, jemanden eine große Freude zu bereiten.
Es handelt sich um eine fingerlange, schmale, mit einer Reihe von Brillanten besetzte Agraffe.
Wer ein Juwel verliert, kann zweierlei Schmerz empfinden. Die Protzengattin, der ein Brillantohrring ausgefallen ist, denkt gleich an die Ziffer mit drei Nullen. Ihr Verlust ist ein Verlust an Geldeswert. Vielleicht tut sie bei ihren Bekannten sogar, als liege ihr nichts dran. Pah! Ihr Mann kann ihr ja einen andern kaufen. Aber es schmerzt sie doch, daß jemand ihren Ohrring finden und verkaufen und das Geld besitzen soll, das ihr gehört. Es gibt eben Leute, die zu einem Juwel nie ein richtiges Verhältnis gewinnen, denen es allezeit nur ein sichtbares Zeichen ihres Reichtums bleiben wird. Die Offizierstressen in der Armee der Millionäre. (Bei den Unteroffizieren sind sie am dicksten.)
Ein Juwel, ein Brillant, jeder Edelstein kann einem mehr werden. Ich rede nicht von dem pretium affectionis, von dem Wert, den ein Kleinod als Andenken besitzen kann, als Familienerbstück, als Erinnerung an den, der es einem geschenkt, oder an die Stunde, in der man es empfangen hat. Edelsteine haben ein geheimnisvolles Leben. Man kann sie zum reden bringen. Man kann mit ihnen in einsamen Augenblicken, oder in Augenblicken der Langeweile, das Licht einfangen und sich an seinem Gefunkel freuen. Inbrünstig bricht es grün und rot und gelb und violett aus dem Stein hervor, sonnenhaft strahlend, als sei ein wenig von dem ungeheuern Druck, unter dem der Diamant geworden ist, durch eine Ritze als Licht entwichen und spritze zischend ins Freie. Der Stein erzählt Ewigkeitsgeschichten aus den Tiefen der Erde, und er erzählt Menschliches, Allzumenschliches, Romane, in denen er als Kuppler mißbraucht wurde, Geschichten vom Aufstieg und Niedergang von Geschlechtern, von schlanken Frauenhänden und weißen Frauenhälsen, Geschichten von Liebe und Falschheit, von Treue und Verrat. Und man kann einem Edelstein Freude und Leid anvertrauen, wie einem Freund, er quittiert mit Gefunkel, wie mit Zorn und mit Lächeln.
Wer solch ein Juwel verliert, denkt nicht an Geld und Geldeswert. Er trauert um eine Quelle seltener, kostbarer Freude und Unterhaltung. Er denkt an das verlorene Kleinod, wie man an ein Lebendiges denkt, das einem lieb geworden war und das man nun tot weiß, verdorben im Staub der Straße oder im Bann fremder Menschen, die es nicht verstehen. Wie wohl ein Römer an eine schöne Sklavin dachte, die ihm geraubt worden war, oder ein Tierfreund an einen verlaufenen Lieblingshund.
Also: Wenn Sie die Brillantnadel gefunden haben, betrügen Sie Sich nicht um die reine Freude, einen Menschen glücklich zu machen.