Original

23. Oktober 1920

Ein Bändchen in den spanischen Nationalfarben war um das Kartonschächtelchen geschlungen, das die Aufschrift trug: Ant. Oliver, Bahnhofavenue 43, Luxemburg. (Olivar klänge viel spanischer.) Ich will es nicht verhehlen, ich war neugierig auf den Inhalt. In einem beigeschlossenen Brief teilte mir ein Bekannter mit, er schicke mir ein paar Granatäpfel zum Kosten, da ich sicher noch keine gegessen hätte.

Nein, ich gestehe es ohne Scham, ich hatte bisher nie einen Granatapfel gegessen. Ich hatte mich schon vor Jahren in Bad Mondorf an den innig roten Blüten der Granatbäumchen gefreut, wenn sie an der Pergola entlang standen und in der Augustsonne von ihrer sagenhaften Heimat Spanien träumten. Ich hatte im Grand Café an der Wand die aufgeborstenen Granatfrüchte auf den Majolikapaneelen bewundert und es ganz in der Ordnung gefunden, daß die mörderische Granate, die das tödliche Blei in ihrem Innern birgt, wie der Granatapfel seine Kerne, nach diesem benannt ist. Aber eine wirkliche Granate, wie sie der Baum gibt, hatte ich mit Wissen nie gesehen und noch weniger gekostet. Ich empfand demgemäß lebhaften Dank dafür, daß sich jemand die Mühe gegeben hatte, meinen Gesichtskreis erweitern zu helfen.

Meine nächste Sorge war, zu ermitteln, wie Granatäpfel gegessen werden. Die beiliegende Gebrauchsanweisung war nämlich ziemlich summärisch. Ich verteilte eine Anzahl der unbekannten Südfrüchte an mehrere junge Damen und überließ es ihrer angeborenen Reugier, hinter das Geheimnis des seltsamen, fast zwiebelförmigen Apfels zu gelangen. Andern Tags berichtete die Reugierigste über den Erfolg ihres Experiments. Daraufhin wagte ich ebenfalls den Schnitt ins Unbekannte. Meine Bewunderung für die Zweckstrebigkeit der Schöpfung wurde dadurch nur noch vermehrt. Wie die Frucht schmeckte, ist vorderhand Rebensache. Süß, erfrischend, ein wenig eigen. Man trinkt sie mehr, als man sie ißt. Aber mich fesselte der Anblick. Hunderte von kleinen, länglichen Kernen sind je in einen maiskorngroßen, hellen Rubin eingeschlossen und dicht an einander gepreßt zu Abteilungen gefüllt, die durch eine dünne Haut von einander abgesondert sind. Jeder Rubin ist eine Beere, die man auf der Zunge zerdrücken kann und die voll eines süßen Saftes ist. Wer es bis zu einer gewissen Übung gebracht hat, kriegt es sicher fertig, die einzelnen Abteilungen von einander zu lösen und gleich einen ganzen Klumpen der Kerne zusammen in den Mund zu stecken und auszusaugen. Wir wissen diesen Genuß unter unsern Breiten nicht so zu schätzen, wie die Menschen im Süden, denen ein kühler Trank oft mehr bedeutet, als uns eine ganze Mahlzeit. Und grade da ist die gütige Natur mit Früchten bei der Hand, die aus dem trocknen, sonnbebrüteten Erdreich das köstlichste Raß herausdestillieren und es in Orangen- oder Granatenschalen wie in Bechern den dürstenden Menschenkindern reichen. Das heißt, wir bilden uns in unserm einseitigen Weltherrentum ein, die Orange- und Granatbäume verfertigen uns Menschen zulieb diese nektargefüllten Kugeln, damit wir unsere Gaumen daran erlaben. In Wirklichkeit sorgen sie damit nur für sich selbst und genügen dem Ewigkeitstrieb aller Lebewesen, dem Drang nach gesicherter Fortpflanzung. Der ganze Bau des Granatapfels ist wie eine Festung zum Schutz der Samenkörner gegen die verdorrenden Sonnenstrahlen. Erst ist um die ganze Brut die kürbisähnliche, starke Schale gelegt, und dann schwimmt jeder einzelne Kern in seinem saftgefüllten Behälter. Nur die Früchte, die aus dem Süden zu uns kommen, haben diesen Reichtum an Flüssigkeit, die Trauben, die Apfelsinen, die Granatäpfel.

Ich weiß nun nicht, ob ich dem Granatapfel je großen Geschmack abgewinnen werde, aber er ist mir jedenfalls als eine der schönsten, sinnreichsten und malerischsten Früchte erschienen, die je auf einem Stilleben verwertet wurden.

TAGS
    Katalognummer BW-AK-008-1753