Ein treuer Leser bringt mir Stoff zu einem Abreißkalender. Ich bin ihm dafür dankbarer, als er es ahnt. Er beklagt sich darüber, daß man auf der Kantonalbahn Rördingen-Martelingen zehn Sous Zuschlag bezahlen muß, wenn man seine Fahrkarte im Zug, statt an der Stationskasse löst. Stationskassen gibt es aber nur in Redingen, Rambruch und Perlé. An den übrigen sechs Stationen darf man einsteigen ohne Fahrkarte und diese ohne Zuschlag während der Fahrt nachlösen. Mein treuer Leser protestiert gegen diese willkürliche Verteuerung der Fahrt. Bis vor zirka zwei Jahren durfte man auf der ganzen Strecke seine Karte im Zug lösen, grade wie in den Trambahnwagen, die doch immer viel stärker besetzt sind, als die Züge des Jangli, und wo also die Schaffner viel angestrengter zu tun haben. Der Fahrgast, der in Redingen, Rambruch oder Perlé ahnungslos einsteigt, ärgert sich, wenn ihm plötzlich der Schaffner die Zuschlagtaxe von zehn Sous abnimmt. Er ist sich keiner Schuld bewußt und begreift nicht, warum einer, der von Redingen nach Riederpallen oder Nagem fährt, zehn Sous mehr bezahlen muß, als einer, der von Nagem oder Niederpallen nach Redingen fährt.
Mein treuer Leser hat recht. Freilich, der Jangli hat auch recht. Er hat in Redingen, Rambruch und Perlé je eine Stationskasse eingerichtet, grade wie ein Großer. Und wenn er mal die Stationskassen hat, so sollen sie auch benützt werden. Wenn er sich die Ausgaben für ein Lokal und einen Mann macht, so will er auch die Genugtuung haben, daß es zugeht, wie auf einer wirklichen Bahn, daß ihm niemand ohne weiteres direkt von der Straße herein in den Wagen klettert, kurzum, daß es nicht geht, wie bei der „Äppelfra“. Auf Station Flatzbour, gut, da mögen die Leute ohne Ausweis einsteigen und sich vom Schaffner ihre Karte kaufen, aber in Redingen, Rambruch, Perlé, wo die großen Verkehrsknotenpunkte des Jangli liegen, jedes ein Handelsemporium des Öslings, wie Bordeaux, Marseille, Toulon - da müßte sich der Jangli schämen, wenn er dastünde mit dem elementaren Betrieb eines fahrenden Briesträgers. Und darum straft er die, die seine Bedeutung verkennen und ohne Fahrkarte einsteigen, mit einer Zuschlagtaxe von zehn Sous.
Ich bin meinem treuen Leser für seinen Stoff indes ganz besonders dankbar, weil er meine Erinnerung nach längerer Zeit wieder liebe Wege geführt hat. Dieser ganze Landstrich an der Redinger Kantonalbahn entlang, von Nördingen bis Martelingen, erscheint mir immer in österlicher Auferstehungsstimmung. Die Wiesen, wenn ich alljährlich zu kurzer Ausspannung hindurch fuhr, fingen an zu grünen, wie eine Fläche zu leuchten anfängt, wenn leises Licht darauf zu fallen beginnt, unter dem rostbraunen vorjährigen Laub der Lohhecken schwollen die jungen Knospen, die Wolken waren blendend weiß und der Wind war frisch wie Champagner. Die „Drei Roten Häuser“ in Martelingen, Bondorf und Holtz meldeten sich gastlich im Gedenken an frühere frohe Stunden, liebe Reisegenossen verkürzten die Fahrt, gute Freunde hielten treu gemeinten Empfang bereit. All das rief die Anregung meines treuen Lesers in mir wach, und darum bin ich ihm dankbar und werde, so bald ich loskomme, schleunigst wieder einmal von Rördingen nach Martelingen fahren und mich nicht ärgern, auch wenn mir der Schaffner zehn Sous Zuschlagtaxe abknöpft.