Ein Anonymus schickt mir folgende Karte: „Jünglings-Verein Liebfrauen. - Werter Freund, Du bist hiermit freundlichst eingeladen zur GeneralVersammlung heute Mittwoch, den 6. Oktober, abends 8 Uhr, im Vereinssaal. Tages-Ordnung: 1) Reorganisation der Sparkassen-Mitglieder. 2) Reformation aller Sektionen des katholischen Jünglingsvereins. N. B. Alle Mitglieder, die eine Einladung erhalten haben, sollen vollzählig erscheinen. - Da nach den bolschewistischen Vorkommnissen einzelner Mitglieder sämtliche Mitglieder des katholischen Jünglingvereins sich neu anmelden müssen, gelten alle diejenigen als ausgeschlossen, die heute Abend der Versammlung nicht beiwohnen oder sich nicht wenigstens schriftlich entschuldigen. - Der Präses.“
Ich sah nach Empfang dieser Karte die Liste der Vereine durch, deren Mitglied: Gründungs-, Ehren-, aktives oder inaktives Mitglied ich bin, und fand, daß ich meines Wissens dem katholischen Jünglingsverein von Liebfrauen nicht angehöre. Die Karte war offenbar an eine falsche Adresse gegangen.
Da ich sie aber nun einmal in Händen hatte, las ich sie aufmerksam durch. Meine erste Empfindung war aufrichtige Betrübnis darüber, daß in einem Verein, der den sanften Namen Liebfrauen in seinem Titel führt, der Bolschewismus Verheerungen anrichten konnte. Da läge es doch viel näher, an Milch, Liebfrauenmilch, freudig dankbare Herzen, Sonnenschein und blauen Himmel, als an Politik, Lenin und Trotzli und Sowjets und Zarenmord zu denken. Aber der Bolschewismus ist wie Benzin, er dringt durch die feinsten Ritzen bis in die zahmsten Jünglingsvereine.
Es scheint sich da etwas abgespielt zu haben, wie eine Palast- oder Kasernenrevolution. Jedenfalls macht der Jünglingsverein dieselbe gründliche Häutung durch, wie unsere Armee nach dem EiffesPutsch. Jedes Mitglied soll zunächst „vollzählig“ erscheinen, und sich dann neu anmelden. Später soll dann die Bewegung historischen Schwung annehmen. Es ist auf eine Reformation aller Sektionen abgesehen. Lutherischer Geist spukt offenbar in diesem katholischen Jünglingsverein. Reformation! Das füllt ein ganzes Zeitalter und ruft ein Echo großer Namen wach: Zwingli, Luther, Calvin, Hutten, Sickingen, Melanchthon usw. Der katholische Jünglingsverein wird doch um Gottes willen nichts dergleichen im Schilde führen und nicht den Teufel Bolschewismus durch den Beelzebub Reformation vertreiben wollen!
Am meisten gab mir zu denken, daß von den bolschewistischen Vorkommnissen einzelner Mitglieder die Rede geht. Über das bolschewistische Verhalten, bolschewistische Tendenzen oder bolschewistische Streiche einzelner Mitglieder bräuchte man sich nicht aufzuregen, aber die bolschewistischen Vorkommnisse einzelner Mitglieder lassen tief blicken. Wenn jemand ein bolschewistisches Vorkommnis hatte, so bedeutet das in seiner Person, seiner geistigen oder körperlichen Individualität eine Revolution, einen Umsturz, einen Aufruhr. Und grade um den 6. Oktober herum war die Traubenlese in Gang und man könnte sich daher bolschewistische Vorkommnisse bei einzelnen Mitgliedern, die vielleicht zuviel „Hintsch“ gegessen hätten, leicht erklären.
Wie dem auch sei, ich wünsche ihnen gute Besserung und dem Jünglingsverein ein frisch fromm fröhliches Gedeihen und einen wasserdichten Abschluß gegen jede bolschewistische Gefahr.