Original

7. November 1920

Vielleicht läßt sich jetzt einmal ein Wort über die Wahlen vom vorigen Sonntag sagen, ohne daß man Gefahr läuft, in dieser stillen Ecke eine wüste politische Rauferei zu entfesseln.

Es hatte von jeher geheißen, die Politik gehöre nicht in das Verwaltungsleben einer Gemeinde. Trotzdem wurden zu dieser Wahl u. a. in der Hauptstadt alle Listen nach politischen Parteigruppierungen aufgestellt. Das war vielleicht der Grundfehler. In einem kommunalen Gemeinwesen, wie es Großluxemburg heute bildet und in dem Kristallisationsstadium, in dem es sich befindet, haben die Leitmotive liberal, klerikal, sozialistisch nicht die Führung. Rein wirtschaftliche Richtlinien sollten für die Parteien maßgebend sein. Aber es fanden sich keine, denen sich wirksame Wahllosungen hätten abgewinnen lassen. Wo sind die heroischen Zeiten hin, wo man mit Wörtern wie Oktroi und Piff bei den Wahlen die Wählerseele zum Kochen bringen konnte! Heute gibt es kein solches Schlachtgeschrei mehr, das von einem Ende der Gemeinde zum andern reichte. Neudorf spricht von seinem Tram. Merl von seinem Schulhaus, Cessingen von seinem Bannhüter, jeder hatte seine Extrawurst und niemand fand einen Hut, der groß genug war, alle unterzubringen.

So benützte man die vorhandene Parteischablone, ohne daß die meisten Wähler von deren Bedeutung in diesem Fall durchdrungen gewesen wären. Aber da man nun einmal liberal und klerikal und sozialistisch wählen sollte, so tat man es eben.

Und da ging es, wie es immer geht. Die Tätigsten sind immer die, die am meisten zu gewinnen haben. Die Klerikalen, die immer, seit Menschengedenken, die Politik aus der Gemeindevertretung verbannen wollten. hatten ihr in dem neuen Wahlgesetz den Kanal eben dahin gegraben, und sie waren alle Mann an den Pumpen, als es hieß, den ersten Versuch machen.

Er ist ihnen geglückt. Aber man fragt sich, was sie eigentlich dabei gewonnen haben. Klerikale Politik werden sie keine im Gemeinderat treiben könnn. Mehr als bisher die Gemeindedienste mit klerikalen Persönlichkeiten besetzen, können sie auch nicht, denn man erinnert sich nicht, daß unter der heutigen Linksmehrheit jemals ein nicht klerikaler Verwaltungschef angestellt worden wäre. Der beste Beweis dafür, daß die bisherige Mehrheit in der Stadtverwaltung keine politischen Rücksichten walten ließ. Und sie wird auch in Zukunft Einfluß und Macht genug behalten, die Lebensinteressen der Stadt, die ganz wo anders, als in politischen Zänkereien liegen, voran zu stellen.

Ceterum censeo: Eine Gemeinde wird nicht vom Gemeinderat, sondern vom Bürgermeister oder dem geführt, der die bürgermeisterliche Gewalt an sich zu reißen weiß. Wenn Großluxemburg einen Bürgermeister erhält, der ein politischer Kampfhahn und nicht ein tüchtiger, gerissener Geschäftsmann ist, so sitzen wir bald mit unsern sämtlichen Regiebetrieben in der schwärzesten Tinte und mit der Verwaltung im reizendsten Chaos.

Ob die Wahlen umgestoßen werden, muß sich herausstellen. Daß aber das Wahlgesetz nicht bestehen bleiben kann, hat jetzt das ganze Lad eingesehen. Wenn in kleinen Gemeinden mit nur zwei Sektionen bei Stichwahl bis nach Mitternacht die Leute auf den Beinen bleiben müssen, auch wenn es keine klausurierten Nonnen sind, so ist das gelinde gesagt gesetzlicher grober Unfug.

A propos die Nonnen: Sie sind Bürgerinnen, wie die andern, aber wenn sie klausuriert sind, steht Klausur gegen Gesetz. Und da darf man die Kirche dazu beglückwünschen, daß sie dem Gesetz gegen die Klausur Geltung zugesteht. Es gab Zeiten, wo sie anders dachte, wo sie z. B. es als ein Sakrileg verschrie, daß das weltliche Gesetz Seminaristen und Geistliche zum Militärdienst zwingen wollte. Die Kirche ist vernünftig und paßt sich an - wenn sie dabei etwas zu gewinnen hat.

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    Katalognummer BW-AK-008-1764