Die Gesellschaft für den Bau billiger Wohnungen schreibt einen Wettbewerb unter luxemburger Architekten aus zur Gewinnung von Plänen für drei Kolonien, von billigen Wohnungen in Luxemburg bezw. Esch.
Vielmehr. Es scheint nicht direkt auf die Erlangung von Plänen abgesehen zu sein, denn der Wettbewerb heißt: Concours d’idées. Eigentlich könnten sich daran also auch Nichtarchitekten beteiligen, denn diese können ebenso gut, wie gelernte Baumeister, über eine Siedelungsanlage nachsinnen und auf eine praktische Idee verfallen.
Zu einer richtigen Kolonie gehört eigentlich mehr, als Wohnungsgelegenheit für eine Anzahl von Personen oder Familien von einer mehr oder weniger gemeinsamen sozialen Stufe, auf der Beruf, Einkommen, Bildung, Lebensauffassung bei allen gleich oder ähnlich sind. Wo sich Siedlungen von selbst, ohne das von einer Bangefellschaft gelieferte Substrat der Wohngelegenheit bilden, vollzieht sich der Auf- und Ausbau nach einer ganz bestimmten Mischungsnorm so, daß das Ganze einem durchgebildeten Organismus gleicht, dessen Glieder in ihren Funktionen aufeinander eingestellt und abgestimmt sind. Diesem durch den gewöhnlichen Lauf der Dinge gelieferten Vorbild wäre vielleicht mehr als bisher in den künstlichen Siedlungen nachzustreben. Heute baut man dreißig, fünfzig, achtzig Arbeiter- oder Beamtenwohnungen auf einen Fleck, bannt hunderte von Leben und Schicksalen gleicher Richtung auf denselben Fleck, bereitet der Promiskuität, der Mißgunst, dem Neid und der Eifersucht den günstigsten Nährboden. Auf dem Dorf z. B. und auch in der Stadt wohnt nicht ein Bürobeamter neben dem andern, ein Arbeiter neben dem andern, sind nicht Dutzende und Hunderte, die im Berufsleben am selben Strang ziehen, darauf angewiesen, Wand an Wand zu schlafen und zu essen. Da wohnt der Bauer neben dem Wirt, dem Schmied, dem Schuster und Krämer, der Hutmacher neben dem Juwelier, der Glasermeister neben dem Seiler, der Konfektionär neben der Apotheke und der Beamte mitten drin. Einer ist auf den andern angewiesen, aber keiner geht mit dem Nachbarn im Joche gleicher Fron. Eine natürliche Siedelung ist ein Durchschnitt durch das Leben, eine künstliche Siedelung die Isolierung einer einzelnen Schicht, die, auf sich selbst gestellt, eintrocknen müßte. Die Möglichkeit müßte von vornherein offen gelassen werden, daß sich die neue Kolonie mit verschiedenartigen Berufen durchsetzte. Den Beziehungen der Einzelnen zu einander würden gemeinsame Mittelpunkte geschaffen, aus denen der Anstoß zu belebender Ablenkung käme.
Das gehört in das Gebiet der Diätetik der Seele. Die Hygiene des Leibes stellt andere Forderungen. Die dringendste davon heißt Sonne. Ein Arzt schreibt mir: „Die Häuser sollten mehr, als bisher, nach der Sonne orientiert werden, ohne Rücksicht auf die Straßenflucht. Treppenhaus, Küche, Vorratsraum nach der Seite, wo am wenigsten Sonne hinkommt, Wohn- und Schlafzimmer nach der Sonnseite.“
Auf der Höhe hinter Gasperich stehen 24 Häuser der eingangs erwähnten Gesellschaft im Rohbau nahezu fertig. Die Front der ganzen Flucht sieht nach Süden. Es ist eine Pracht und ein Labfal. Demnächst soll dahinter eine zweite Reihe gebaut werden, Rücken gegen Rücken mit der ersten, also mit der Front nach Norden. Von rechtswegen müßte also die Verteilung der Räume in den Häusern der zweiten Reihe sich ganz genau umgekehrt zur Verteilung in der ersten Reihe verhalten.
Zweite hygienische Forderung, auf die derselbe Arzt in seinem Brief hinweist: Es müßte mehr Wert auf Badegelegenheit in Arbeiter- und Beamtenhäusern gelegt werden. In England wird z. B. ohne Raumbeanspruchung ein Badezimmer für Arbeiterfamilien in der Weise hergestellt, daß die Badewanne in den Fußboden der Küche über dem Keller eingelassen wird und einen aufklappbaren Deckel erhält. So wird die Heizung der Küche beim Bereiten und Benützen des Bades mit verwertet.
Das Organ, heißt es, schafft die Funktion. Also wird die Badewanne die körperliche Sauberkeit fördern. Und nichts erhöht so sehr das Bedürfnis nach seelischer Sauberkeit, wie die körperliche. Und letzten Endes darf man von einem Volke sagen: Zeige mir, wie du baust, und ich sage dir, wer du bist.