Original

10. November 1920

Im Mittelalter gab es eine Sorte von Glückssuchern, die man die Alchemisten nannte. Sie wollten das Mittel finden, jedes Metall in Gold zu verwandeln. Sie machten sich nicht klar, daß sie damit nichts erreicht gehabt hätten. Entweder wahrten sie ihr Geheimnis und wurden unglücklich - denn nichts macht so unglücklich. wie ein Geheimnis solcher Art wahren müssen - oder sie gaben es preis, jeder lernte die Kunst des Goldmachens, niemand wollte mehr arbeiten, und da man vom Golde nicht satt wird, so mußte die Welt und mit ihr der Goldmacher verhungern.

Die Alchemisten des Mittelalters saßen in ihren Hexenküchen, von Kesseln und Mörsern und Retorten umgeben und erreichten gar nichts. Höchstens daß einer bei seinen Versuchen unbeabsichtigt das Porzellan erfand.

Die Alchemisten von heute sind erfolgreicher. Der Engländer Wells spricht in seinem Roman „Marriage“ von zwei dieser modernen Goldmacher: „Lee besaß, wie Solomonson, die unerklärliche Alchimie des Geistes, die Gold aus dem Welthandel herausdestilliert. Der Reichtum wuchs bei ihm wie bei einem andern der Bart.“

Die Albertus Magnus, Raimundus Lullus, Baco, Ruggiero von heutzutage heißen Lee, Solomonson, Bleytrach usw. mit Vor-, Kettenhändler mit Familiennamen.

Nascitur poeta, man muß als Dichter geboren sein, sonst ist man keiner. Der Kettenhändler ist der Dichter des Wirtschaftslebens. Er muß Phantasie, Kombinationstalent, Sehergabe, Schwung und Größe haben. Sonst bleibt er ein ganz gewöhnlicher Stümper und Prosaist.

Dichten ist Verdichten, und das leitet gradenwegs in die Chemie und Alchemie hinein.

Saget nicht, ein jeder könne Kettenhändler werden. Das ist so falsch, wie es falsch ist, daß ein jeder das „Verlorene Paradies“ hätte schreiben können. Man wird Kettenhändler durch den Erfolg, sagen Sie. Das ist eine petitio principii. Mit demselben Recht könnten Sie sagen: Man wird Maler, Dichter, Komponist durch den Erfolg.

Wir müssen uns natürlich über den Begriff Kettenhändler verstehen. Das Wort bedeutet nicht mehr, wie bei seinem Ursprung, einen Mann, der sich in die Kette von Profitmachern zwischen Produzent und Konsument einschaltet. Nach heutigem Sprachgebrauch ist Kettenhändler derjenige, der anormale Gewinne erzielt und rascher, als es das Herkommen erlaubt, reich wird. Daß es Beutelschneider unter den Kettenhändlern gibt, ist nicht zu bestreiten. Aber die gehen früh oder spät um die Ecke. Die richtigen Ketten- händier sind die Alchemisten von heute, nur daß sie ihre Retorten im Kopf haben, wie Wells sagt. Man erzählte mir, daß kürzlich in einer deutschen Großstadt mehrere junge, ideal veranlagte Luxemburger ihr Geld zusammenlegten und Kettenhändler spielen wollten. Sie kauften alles, Hosenträger und Mundharmonikas, Limburger Käse und Glühbirnen, sie sagten den Leuten, von denen sie kauften, die Preise seien erstaunlich billig, worauf die Verkäufer noch 20 Prozent für Ausfuhrerlaubnis draufschlugen. In drei Wochen hatten die jungen Luxemburger ihr Betriebskapital verbuttert. Sie hatten eben nicht jene unerklärliche Alchemie des Geistes, die aus dem Welthandel Gold herausdestilliert.

Im Kettenhandel wie in der Kunst heißt es: Schuster bleib bei deinem Leisten!

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    Katalognummer BW-AK-008-1766