Wenn nicht alle Zeichen trügen, werden wir also demnächst die 1881 ausgeschaltete Militärdienstpflicht wieder einführen müssen, um in den Völkerbund Aufnahme zu finden.
Ich bin frivol genug, diese Neuerung in unserm öffentlichen Leben einmal vom Standpunkt des Straßenbildes und des Gesellschaftslebens zu betrachten.
Diese beiden werden demnächst um einen Faktor bereichert, der ihnen seit 39 Jahren zwar nicht völlig fehlte, aber dank seiner Seltenheit fast ganz verschwand.
Es ist der Leutnant.
Der Leutnant war uns bisher eine Person. In Zukunft wird er ein Stand, eine Klasse, eine Gesellschaftsrubrik sein.
Der Leutnant im Straßenbild ist ein Anhaltspunkt. Er ist verpflichtet, in seiner Art das Höchste darzustellen, was es geben kann. Er muß die wehrhafte Männlichkeit in seiner Erscheinung derart zum Ausdruck bringen, daß es in jedem Bürgerherzen bei seinem Anblick zu singen und klingen anfängt: Lieb Vaterland magst ruhig sein! Daß jede Frau empfindet: In seinem Schutz wärest du sicher gegen jede Unbill. Und jedes Mädchen: In seinem Arm könntest du foxtrotten bis zur Frühmesse, ohne müde zu werden.
Unser Leutnant wird eine Erscheinung sui generis sein. Er wird in sich die Doppelkultur verkörpern, die in uns trotz allem weiterlebt und weiterleben wird. Wenn früher der preußische Schneid vorherrschte, wird jetzt die französische Art des Offiziers das Übergewicht erhalten. Vielleicht entsteht daraus etwas wie die österreichische Nonchalance, die den verzwicktesten Lagen gegenüber mit einem liebenswürdigen: „Do konn mer nix mochen!“ Stellung nimmt. Jedenfalls bin ich auf den spezifisch luxemburgischen Leutnantstyp der Zukunft neugierig.
Unsere bewaffnete Macht war vor dem Krieg nicht aus dem Volk hervorgegangen, kein Ausfluß, sondern ein künstliches Destillat, quantitativ zu gering, um abzufärben. Jetzt werden wir voraussichtlich eine Volkswehr erhalten, die mit den Familien eng zusammenhängt. Das hätte sich niemand träumen lassen, daß dieser Krieg, der das Ende alles Militarismus bedeuten müßte, uns, dem friedfertigsten und unmilitärischsten Volk der Erde, eine kriegerische Uniform anziehen würde.
Seit 1881 waren wir aus dem Gedanken an notwendige Wehrhaftigkeit vollständig entwöhnt, die Veteranen, die noch zur Zeit der früheren Miliz zur Aushebung und Visite zogen, sterben allmählich aus und die Jungen haben es nie anders gekannt, als daß wir in völliger Interesselosigkeit für alles Militärische dahinlebten. Es gibt sicher keine zehn Prozent Luxemburger, die wissen, wie sich im Rang ein Rittmeister zu einem Hauptmann verhält, keine fünfzig vielleicht, die wissen, wer höher steht, ein Major oder ein Oberst. Für alles das, und für die Bedeutung der Sterne und Litzen und Kragenfarbe und die Schönheiten der Kniebeuge und des strengen Arrests usw. wird uns jetzt das Verständnis wieder aufgehen. Wir werden wieder kriegerisch fühlen lernen und uns an den Gedanken gewöhnen, daß jeder seinen Herd vor Eindringlingen zu schützen hat. Es ist sicher, daß das auf unser völkisches Empfinden nicht ohne Wirkung bleiben wird, daß über 40 Jahre der Luxemburger zu seinem Land ein ganz andres Verhältnis gewonnen haben wird, als der von heute.
Vor Jahrhunderten zogen die Mitglieder unserer „Schieß“, die ihr fünfhundertjähriges Jubiläum hinter sich hat, mit Armbrust und Hackenbüchse auf die Wälle. Seither haben unsere Landsleute zu allen Zeiten auf allen Schlachtfeldern Europas für fremde Herrscher und fremde Völker geblutet - warum sollten wir nicht an die Möglichkeit denken, daß wir einmal wieder fürs eigene Land unser Leben einsetzen könnten?