Fräulein Parel war so liebenswürdig, mich ins Kasino zu ihrem Fünfuhrtee mit Tanz einzuladen, der am Samstag um 4 Uhr nachmittags stattfand.
Ich sagte gerne zu.
Dann kam Herr Rausch und lud mich ins Hotel Metropole zu dem Fünfuhrtee mit Tanz, den er abends um 9 Uhr organisierte.
Ich sagte wiederum gerne zu.
Als ich mir aber überlegte, daß beide mich nur deshalb eingeladen halten, damit von ihnen in der Zeitung gesprochen würde, und wie schwer, ja unmöglich es sein würde, von ihnen in der Zeitung so zu sprechen, daß keines glauben müßte, über das andere sei mehr Gutes und Schönes gesagt, so wurde ich beiden wortbrüchig und versagte mir schweren Herzens den Genuß, den es mir bereitet hätte, bei beiden zu Gast zu sein.
Und hätte ich auch von beiden mit peinlich genauem Ausgleich der Dosterung gesprochen, so wäre ich wiederum ungerecht gewesen gegen Fräulein Thilges, die sich ebenfalls Körperkultur und moderne Tänze als Beruf gewählt hat.
Ich werde keines von den dreien bevorzugen und keines zurücksetzen, wenn ich hier das Lob des Tanzes im Allgemeinen singe und allen dreien Wasser auf die Mühle kehre.
Der Tanz ist unsern Gliedern so notwendig, wie unserer Kehle der Gesang. Er ist die Steigerung der alltäglichen Bewegungsprosa zur Poesie, er verhält sich zum Gehen und Laufen, zur utilitaristischen Betätigung unserer Gliedmaßen, wie Musik zum Geräusch. Er ist das einzige Mittel, uns die Illusion des Fliegens zu geben, das heißt, die irdische Materialität und Gebundenheit gegen einen Zustand elastischer Losgelöstheit zu vertauschen. Wer tanzt, glaubt zu fliegen. Seht den Betrunkenen, der in der Seligkeit seines Rausches eine Tanzbewegung skizziert: Hebt und schwingt er die Arme nicht, als halte er sie für Flügel?
Es liegt im Menschen drin, daß er seine Wonnen nicht allein kosten, sondern sie mit gleichgestimmten Seelen teilen will. Und wenn ein Zug von Mensch zu Mensch sich geltend macht, geht er ganz primär von einem Geschlecht zum andern. Denn was auseinander geschlichtet ist, strebt wieder zusammen. Darum führt die Glückseligkeit des Tanzes das Mädchen dem Knaben in den Arm. Aber der Herr Pfarrer denkt sich dabei gleich das Schlechteste und predigt gegen den Tanz. In meiner Jugend erzählten sie von einem Dorfpastor, der, statt den Tanz zu verbieten, ihn zu einer öffentlichen Einrichtung auszubauen suchte, zu der alle Dorfbewohner als Zuschauer gehen mußten. Nicht die Berührung darf die Hauptsache sein, Tanz muß ein körperliches Ausleben, ein Gehorsam gegen das Urbedürfnis nach Rhythmus in unsern Nerven werden.
Darum haben die modernen Tänze die Welt erobert. Weil sie der Wollust des Rhythmus freie Bahn geben.
Die alten Tänze waren auch rhythmisch, aber der Rhythmus war wie in ein Korsett mit Stahlschienen gezwängt. Wenn Dich der Walzertakt gepackt hatte, mußtest Du gleichmäßig im Wirbel rundherum, bis sich die Welt um Dich drehte. Die alten Tänze waren ein Kompagniegeschäft auf Schweißtreiben. Jeder Jüngling steckte sich dazumal ein paar Reservekragen in den Überzieher. Der Rhythmus war ein Tyrann, der uns an Ketten hinter sich drein schleifte, heute ist er der Flügel, der sanft dahin trägt, rechts und links, rasch und sanft, wie es einem die Musik grade eingibt. Die neuen Tänze gestatten das Individualisieren, das Phantasieren, der Tänzer wird zum schaffenden Künstler, der parallel zu der Tanzweise mit seinen Gliedern ein sichtbares Kunstwerk erstehen läßt.
Wer uns gesagt hätte, daß nach dem Krieg von allen gesellschaftlichen Kundgebungen grade der Tanz den stärksten Aufschwung und die intensivste Betonung erfahren würde, den hätten wir für verrückt erklärt. Und doch ist es so. Das Evangelium von Hellerau hat die Jugend der zivilisierten Welt erobert. Freilich, ohne die kurze Frauentracht von heute wären die modernen Gesellschaftstänze unmöglich. Ein Foxtrott im Schleppkleid wäre eine Karikatur.
Es wird also wohl so sein, daß der kurze Frauenrock und der mederne Tanz miteinander aus dem Geist der Zeit geboren sind. Es gibt Zusammenhänge, die der Weltweise nicht ahnt, wenn er sich nicht mit den Frivolitäten seiner Zeit abgibt.