Vor zirka sechs Jahren fing das „liebe Brot“ an, in unserm Interesse die Stelle zu beanspruchen, die es verdient und der es seit langer Zeit, seit der letzten Hungersnot, verlustig gegangen war. Wir hatten vergessen. was es uns wert ist. Wir nahmen es hin als etwas, das wir zwar nicht entbehren konnten, aber das ganz selbstverständlich, naturnotwendig da war, wie die Lust, oder wie eine wackere Hausfrau, die kocht und Strümpfe strikt und Knöpfe annäht und nicht weiß, was Koketterie ist. Wir liefen nicht nach Brot, das Brot lief nach uns. Es nahm die verlockendsten Formen an. Es kam als leckeres lothringer Kranzbrot, es kam als Pariser Stangenbrot, es kam als Wiener Milchwecken - das Brot spielte uns eine Symphonie mit reich besetztem Orchester und die Bäcker stritten sich drum, wer uns die frischen Semmeln zum Kaffee in’s Haus schicken durfte.
Da kam der Krieg, und die schönen röschen Kaffeesemmeln verkrochen sich, wie die Mäuse vorm Kater. Die leckere Brotsymphonie verstummte allmählich und zuletzt sang das Kriegsbrot sein dünnes, heiseres Solo.
Ein Abgeordneter sagte kürzlich in der Kammer, die Erinnerung an das Kriegsbrot verfolge uns immer noch. Kriegsbrot und Kohlrabi - wer das erlebt hat, bekreuzt sich schen beim bloßen Andenken daran. Ich kenne eine Familie, die ihr Kriegsbrot eines Tages verbessern wollte, indem sie das Schlimmste aus dem Mehl heraussiebte. Sie bot dann den Abfall dem Nachbar als Futter für seine Hühner, gratis, natürlich. Der Nachbar aber sagte entrüstet: „Ich danke! Damit sie mir alle davon verrecken!“ Und Hühner sollen doch einen überaus starken Magen haben. Der Hausvater, der sich und den Seinen nicht zumuten zu sollen glaubte, was der Nachbar seinen Hühnern nicht zumutete, tat sich nach ein wenig weißem Mehl um. Wir er dazu gelangte, gehört nicht hierher, kurzum, er hatte sein Quantum eines Tags im Rucksack. Diesen brachte er im Zug unter der Bank seinem eigenen Ecksitz gegenüber unter. So konnte er selbst, aber sonst niemand den Rucksack sehen. Kurz vor der Abfahrt stieg pustend und schwitzend ein Herr von der fliegenden Brigade ein, setzte sich auf die Bank über den Rücksack mit dem gehamsterten Mehl und wetterte gegen die Mehlschmuggler. Drei Mühlen habe er heute in der Umgegend gesperrt, und es sei eine Affenschande, alles begreife und verzeihe er, nur die Mehlschmuggler müßten alle an den Galgen, und da hätte er für seinen besten Freund keine Rücksicht.
Er habe vollkommen Recht, pflichtete ihm sein Gegenüber bei, er selbst habe als schon eine Speckseite, einen Schinken, ein Pfund Butter geschmuggelt, aber aus Mohl würde er sich direkt ein Gewissen machen. Das müsse sozusagen für jedermann heilig sein. - Seinen Rucksack trug er nachher vom Bahnhof auf Umwegen nachhaus. Er war sich bewußt daß er gegen die Allgemeinheit eine Gemeinheit begangen und als Verbrecher gehandelt hatte, aber sein Reuegefühl wurde durch die Überzeugung beeinträchtigt, daß an seiner Stelle jeder Bürger genau so gehandelt haben würde, mit Ausnahme der Regierungsmitglieder, natürlich.
Der Krieg ist seit zwei Jahren vorüber, bloß daß sie an der Peripherie noch mit dem Ablöschen beschäftigt sind und daß es von einer gefährlichen Stelle herüber noch immer sehr brenzlich riecht. Und das beste Barometer für die Weltwetterlae ist noch immer das Brot. Ist das Brot billig und weiß - Blüht und grünet das Friedensreis. Ist das Brot schwarz und teuer - zeigt die Uhr auf Blut und Feuer.