Um wieviel schöner, als wir es hatten, hat es die Jugend von heute! Um wieviel näher ist sie an den Dingen: Kulturell, gesellschaftlich, künstlerisch, technisch, wissenschaftlich, politisch!
Die Technik z. B. war etwas, das der Jugend vor vierzig Jahren so fern lag, daß einer, der sich damit abgab, der elektrische Schellen baute oder chemische Experimente zuhaus versuchte, als eine Art Abenteurer, als ein Allotriatreiber, ja als ein Früchtchen bei allen Tanten in Verruf kam. Heute sitzen auf den Schulbänken kleine Techniker, die in den Geheimnissen der Elektrizität besser Bescheid wissen, als zu unserer Zeit manch ein Professor.
Durch das allgemeine Stimmrecht ist die zähe Masse, die früher die Politik war, allmählich in Fluß gekommen und bespült heute plätschernd das ganze tägliche Leben. Die Jugend, für die früher alles Politische weit hinter den Bergen lag - es wäre denn, daß der Sohn eines Ministers oder Abgeordneten sich mit dem Sohn eines Gegners seines Vaters geprügelt hätte - diese Jugend ist heute mit glühenden Wangen dabei, wenn Politik geredet wird und nimmt leidenschaftlich für alle Extreme Partei.
Die Jugend von heute steht dicht an den Retorten der Geschichte, der Kunst, der Wissenschaft.
Sie hat aus nächster Nähe das Weltereignis des großen Krieges erlebt, von dem eine neue Ära in der Geschichte anfangen zu sollen scheint. Sie sehen all dies Gewaltige nicht in perspektivischer Verkürzung, wie wir die französische Revolution sahen, sie treiben mit in der Brandung, aus der sich der Wellenschlag eines kommenden ruhigeren Zeitalters entwickeln wird. Sie sind nicht Zeugen, sondern Mitwirkende, die von ihren Altersgenossen vor vierzig Jahren durchaus wesensverschieden sind.
In der Kunst, im Schrifttum erleben sie aus nächster Nähe eine Revolution nach der andern, die Ohren gellen ihnen vom Feldgeschrei neuer Richtungen, und wenn aus dem Chaos schließlich Ordnung und Schönheit geworden sein werden, ist ihnen das Neue nicht ein fertig Gegebenes, von dem sie nur die Oberfläche kennen, sondern ein allmählich Gewordenes, dessen Struktur, Zellengewebe, Geist ihnen bis ins Kleinste vertraut ist.
Denn wer heute mit seinen offenen Knabenaugen und Ohren im Leben steht, kann unmöglich die tausend Stimmen überhören, die aus der Welt zu ihm dringen. Und zu wem die Welt nicht kommt, der geht heute zur Welt. Es ist sonderbar, daß der Krieg, der das Reisen materiell erschwert hat, der Ausgangspunkt für ein wahres Reisezeitalter werden zu sollen scheint. Der Berg Amerika ist im Krieg zum Propheten Europa gekommen. Nord und Süd, Orient und Okzident machten über die Schützengräben hinüber ein grausiges Chassez-croisez, und als der Graus vorbei war, blieb die Lust am Reisen. Es war ein Heißhunger nach Besitzergreisung der Welt. Und so ist die Welt von heute den Jungen von heute zu einem assimilierbaren, lebendigen Wert geworden, statt daß sie den Jungen von dazumal ein blasser Reflex aus Büchern war.
Ihr, die Ihr heute zwischen fünfzehn und zwanzig an der Schwelle des Lebens steht! Ich brauche Euch nur ein Wort zu sagen, bei dem Euch gleich warm wird: Tanz! Tanzen lernen war anno dazumal ein Privileg für das ganz feine Porzellan, heute gehört es zur Erziehung. Weil die Jugend von heute von ihren Gliedern mehr haben will, als gewöhnliche Dienstbotenleistungen mit nachfolgendem Rheumatismus, weil sie das Bedürfnis hat, mit Bewegung Schönheit zu machen.
Und dann: Wenn einer aus überschwänglichem Wagemut zu entgleisen droht, einer, der früher ganz sicher als Abenteurer oder Verbrecher vor die Hunde gegangen wäre - heute hat er das Sicherheitsventil des Fliegens.
Ihr wißt gar nicht, wie schön Ihr es heute habt!