Wir könnten heute vielleicht ein Wörtchen über den Neid sagen.
Es gibt zwei Arten von Neid. Sie unterscheiden sich von einander durch die Farbe.
Wir haben da zuerst den feuerroten Neid. Er ist nur bedingt ein Laster, er kann zur Tugend werden, er hat jedenfalls den Rhythmus einer Leidenschaft. Er kann in schönen Augen blitzen und kann in Flüchen fauchen. Er ist ein Trieb, eine Kraft, ein Stachel, eine Befeuerung. Eine Frau kann einer andern den Mann neiden und Großes unternehmen, ihn ihr abzujagen. Ein solcher Neid ragt schon in die Heldenatmosphäre des Nibelungenliedes hinauf. Oder es mag sich auch nur um eine Bluse oder einen Hut handeln, die Qualität des Neides bleibt dieselbe. Ein solcher Neid wirkt befruchtend. Ein Beamter z. B., der gegen einen andern feuerroten Neid hegt, wird nicht ruhen und nicht rasten, bis auch er mit Frau und Tochter bei Hof eingeladen oder Eichenlaubkronenritter geworden ist. Ein solcher Neid sticht wie der Hafer den Gaul. Ein Vorgesetzter mit Menschenkenntnis wird dafür sorgen, daß bei seinen Untergebenen nie der Neid ausstirbt. Er hält sie wirksamer in Atem, als die verlockendste Aussicht auf Gratifikation. Der schnödeste Faulenzer weiß, daß er von der Gratifikation nicht ausgeschlossen wird und bleibt auf der Bärenhaut liegen, aber sowie ihm der Neid einheizt, wird er zum Streber.
Dieser feuerrote Neid hat also sozusagen einen moralischen, sogar ästhetischen Hintergrund.
Nicht so der gelbe Neid.
Der gelbe Neid ist das unschönste aller Laster. Geiz, Trunksucht, Gefräßigkeit, Ausschweifung - gewiß, schön sind sie auch nicht. Aber man kann sich jemand, der einem dieser Laster frönt, persönlich und wenigstens momentweise als sympathisch oder sogar schön vorstellen, - der gelbe Neid verhäßlicht jeden, der damit behaftet ist.
Der gelbe Neid ist eine Begleiterscheinung der Ohmacht. Er heißt darum auch manchmal der blasse Neid. Er ist blutlos, kraftlos, schwunglos abgestorbener Gummi, mistkäserlich kotgebundenes Insekt, das dem Vogel sein Gefieder nicht gönnt. Wir sprachen von der Frau, die eine andere um ihren Mann beneidet und ihn ihr abjagen will. Dasselbe in gelb ist die alte Jungser mit unleidlichem Charakter, die vielleicht einmal nicht übel war, aber alle Männer durch Boshaftigkeit verscheuchte und die nun jeder Frau ihrer Schönheit oder ihres Glückes wegen vergeben könnte.
Der Neidgelbe ist eine bekannte Erscheinung. Dumm, faul und gefräßig von Natur bespuckt er von unten alles, was über ihm steht. Daß jemand es besser haben dürste, als er, läßt er überhaupt nicht gelten. Ob der andere es besser verdient oder nicht, ist gleich. Er ist der Schütze aus dem Hinterhalt, der anonyme Briesschreiber, er läßt aus Prinzip an niemand ein gutes Haar und gönnt nicht einmal sich selbst den guten Bissen, auf den er gieperig ist. Der Neidgelbe ist lächerlich aufgeblasen, überzeugt, daß er alles viel besser machen würde, aber zu faul oder zu dumm, es auch nur zu versuchen. Die Neidgelben laufen zu Hunderten auf der Straße herum und ihre Galle kocht in einem fort: Ein Automobil fährt vorbei, eine hübsche Frau geht vor ihnen her, eine reizende Villa steht am Weg, einem Freund widerfährt eine Anerkennung, - sofort drehen sich ihnen vor Neid die Eingeweide im Leib herum. Denn das ist ihre Strafe. Sie leben in beständiger Gefahr, die Gelbsucht zu bekommen. Daher der Name: Gelber Neid.
Am amüsantesten wirkt der Neidgelbe, wenn er ins öffentliche Leben tritt und sich politisch betätigt. Ohne daß er eine Ahnung hätte, wirkt er so komisch, wie ein Mann, der am hellen Mittag mit seinen Beinkleidern überm Arm auf dem Paradeplatz spazieren ginge und dabei krumme Beine hätte. Niemand will zugeben, daß er krumme Beine hat, und kein Neidgelber glaubt, daß man ihm sein Laster an den Augen absieht.
Der gelbe Neid ist keine Kraft, er ist Ohnmacht, auch in der Politik. Zum Glück für alle, denn sonst hätten bald lauter Nullen die Führung in Händen.