Die „Männer vom Flügelrad“ standen in den Tagen vor Weihnachten ganz vorn im Interesse des Landes.
Aus den Reden, die über sie in der Kammer gehalten wurden, ist mir eine Äußerung zurückgeblieben, die auf allen Bänken einschlug und ein sympathisches Echo weckte. So war die Feststellung, daß wir hierzuland sozusagen nie schwere Eisenbahnunfälle haben.
Ich weiß nicht, ob darüber eine Statistik besteht und ob wir nachweisbar in punkto Eisenbahnunglücke hinter dem Durchschnittsprozentsatz zurückbleiben. Ich weiß aber, daß wir hierzuland nicht im Fall sind, sozusagen in jedem Monat, wonicht in jeder Woche den Jahrestag irgend eines entsetzlichen Zusammenstoßes zu begehen, bei dem die Toten und Verwundeten nach Dutzenden zählten. Als „das“ Eisenbahnunglück gilt bei uns immer das von Dommeldingen, das ein volles Menschenalter, rund fünfzig Jahre zurückliegt und von dem die Schreckenskunde damals das ganze Land durchscholl. An einem Personenzug war in der Steigung von Dommeldingen nach Laxemburg herauf eine Kuppelung gerissen und die ganze Wagenreihe war rückwärts wieder hinunter gerollt und im Bahnhof Dommeldingen auf einen Güterzug gestoßen. Das war der erste und letzte Eisenbahnunsall größern Stils, wenn ich so sagen darf, der unser Bahnnetz seit seinem Bestehen mit Blut übergossen hat. Und zweifellos haben wir das unserm trefflichen Fahrpersonal zu danken.
Das wurde in der Kammer belobigend anerkannt. Damit wäre also indirekt ausgesprochen, daß anderswo die relative Häufigkeit der Unfälle mit der Qualität des Personals zusammenhängt. Nicht, daß das Personal anderswo schlechter wäre, als unseres. Aber unseres ist besser, als das anderer Bahnen, auf denen Zusammenstöße viel häufiger sind.
Unser Personal wird auf Befragen zugeben, daß sein beruflicher Hochstand ein Erbe der strammen Disziplin und Organisation und der hohen Ansprüche des früheren Betriebes sind, wenigstens zu einem großen Teil.
Man mag über Disziplin und Organisation im allgemeinen und deutsche Disziplin und Organisation im besondern denken, wie man will - die beiden allein z. B. tun es noch lange nicht - in diesem Fall waren sie für die Sicherheit und Bequemlichkeit des reisenden Publikums eine große und kostbare Gewähr.
Daß sie aber bei unserm luxemburger Fahrpersonal nicht ein Produkt der preußischen Knute, sondern gut altluxemburgischer Gewissenhaftigkeit und Pflichttreue waren, hat sich in den Jahren nach dem Krieg bewiesen. Trotzdem es unsern Eisenbahnern zeitweise sehr kratzig ging und trotzdem die Disziplin gute Gründe gehabt hätte, in die Brüche zu gehen, haben unser technisches Personal sowohl wie die Beamten, die man seither unter dem Begriff „Intellektuelle“ zusammenzufassen pflegt, aus angeborener Gewissenhaftigkeit ihre volle Pflicht getan und unter den schwierigsten Verhältnissen den Betrieb aufrecht erhalten.
Das Gefühl der Solidarität ist eben unter uns Luxemburgern, eben weil wir so nahe aufeinander sitzen, stärker entwickelt, und ehe unsere Beamten in Nachahmung ihrer auswärtigen Kollegen zur Sabotage greifen, erschöpfen sie lieber vorher alle Mittel im Guten. Und bis jetzt haben wir gesehen, es geht auch so.
Unsere Eisenbahner haben jetzt Gelegenheit, zu zeigen, daß sie das Beste ihrer beruflichen Eignung nicht dem „Preuß“ verdanken, sondern ihren eigenen Nationaltugenden. Die Alten vom Flügelrad sollen beim Nachwuchs die gute Überlieferung verankern und ihnen ihre Eigenschaften vererben, damit sie in ihrem kleinen Kreis das Wort wahr machen, das irgendwo am Straßenrand in Stein gemeißelt steht: Vivite Luxburgi, fidos vos prisca per orbem fama vocat! (Lebt, Luxemburger, der stolze Ruf Euxer Treue reicht über die Welt!)
Ein gut Teil unseres Patriotismus ist unser lebendiges Gefühl der Zusammengehörigkeit. Es hat sich in der Sache der Eisenbahner an beiden Enden betätigt und wird hoffentlich bis zum Schluß vorhalten.