Original

28. Dezember 1920

Durch besondere Umstände veranlaßt sann ich dieser Tage über den Zauber alter Familienerbstücke nach. Denn es geht ein Zauber von ihnen aus. Man empfindet ihn oder empfindet ihn nicht, aber er besteht. Er liegt in dem Gefühl der Zusammengehörigkeit von Geschlecht zu Geschlecht. Du trägst einen alten Ring, eine alte Kette, freust Dich an einer Miniatur, einer Silberdose, einer bemalten Tasse aus feinem Porzellan, einem Biedermeier- oder Empite-Mobel und fühlst das Band, das Dich mit den längst in Staub gesunkenen früheren Besitzern verknüpft. Du wirst Dir bewußt, daß Du nicht ein Einzelwesen bist, das kommt und geht, auf nichts und niemanden gestellt, als auf sich selbst, sondern ein Glied in einer Entwicklungsreihe, durch die hindurch etwas lebendig Gemeinsames strömt, wo immer das Nächste durch das Vorige bedingt und für das Folgende bestimmend ist.

Es ist gar nicht zufällig und es ist nicht bloßer Sparsinn, daß die Alten zumeist große Stücke auf die Familienschätze halten, während sie den Jungen durchaus nicht ans Herz gewachsen sind. Mit achtzehn, zwanzig Jahren trägt man die goldne Repetieruhr seines Großvaters ebenso leichtsinnig ins Leihhaus und läßt sie verfallen, wie den Überzieher eines guten Freundes. Ein Student, der seinem Schatz zum Pfingstausflug einen neuen Hut kaufen soll, verkloppt seelenruhig den Siegelring seines Vorfahren und erzählt zuhaus, er habe ihn beim Baden verloren. Die Jugend hat kein Verständnis für Familientradition. Ein junges Mädchen trägt zur Not einmal das Goldkreuzchen einer Ahne im Blusenausschnitt, wenn ihr jemand sagt, es stehe ihr reizend, aber wenn sie denkt, sie habe es lang genug getragen, vertauscht sie es gegen einen modernen Schmuck und zahlt freudig ihr ganzes Jahrestaschengeld drauf.

Das hängt alles mit der Unsterblichkeitssehnsucht der Menschen zusammen.

Da wir nicht individuell unsterblich sein können, suchen wir die Unsterblichkeit in der Zusammengehörigkeit mit andern.

Auf der Höhe des Lebens, auf den Gipfeln, wo der Abstieg beginnt und man vor- und rückwärts klaren Überblick über den Weg und die Weggenossen hat, da hat man das Bedürfnis, sich in das Nacheinander einzuschalten, ein wirkendes Glied im Werden, in der Entwicklung einer Geschlechterreihe zu sein. Man hat das Bedürfnis, zu empfinden, daß man war, ist und sein wird. Man weiß, daß sich die Sehnsüchte eines Einzelnen und einer Masse nicht in seinem und ihrem Dasein erfüllen können, daß Menschenschicksale, die aus der Tiefe zur Höhe und umgekehrt führen, sich durch Generationen hindurch hinauf und hinunter ziehen, daß ein Leben reicht, so weit der Blutstrom reicht, aus dem es geboren ist, geistig und körperlich. Das ist das hohe Empfinden des Alternden, daß er auf diese Weise unsterblich, das Gefäß eines Unzerstörbaren ist, das aus den Zeiten heraufkam, von ihm mit neuem Anlauf abschnellend sich rascher oder langsamer, in steilerer oder flacherer Parabel der Zukunft entgegenschwingt, gesteigert oder geschwächt in der Inbrunst seines Vibrierens, aber unverändert in seinem Wesen.

Nicht so die Jugend. Statt im Nacheinander, sucht sie im Nebeneinander die Erfüllung ihrer Unsterblichkeitssehnsucht, Ihr Drang von innen heraus ist noch so stark, daß sie ins All strebt und dabei wie ein Aussaugen durch die Ewigkeit spürt, indem sie sich mit den Ewigkeitswerten des Alls verschmilzt. Das Nächste ist ihr die Gegenwartemenschheit. Wer sagte doch, daß der Dvang, der Menschheit mehr Glück und Gerechtigkeit zu erkämpfen, eine Pubertätserscheinung ist? Wie die Jugend in der Landschaft nicht für weite Horizonte und Fernsichten schwärmt, so hat sie auch kein Verständnis und kein Interesse für die Schicksale derer, die vor ihr waren und nach ihr sein werden. Das Nächste, das „neben“ ist ihr Alles.

Schenkt der Ingend keine Familienandenken, sie weiß damit nichts anzufangen. Sie trägt sie bei der ersten Gelegenheit ins Pfandhaus.

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    Katalognummer BW-AK-008-1804