Jawohl, hochverehrte Freundin, es steht schlimm in der Welt und der Haß hält reiche Ernte. Aber darum braucht es nicht aller irdischen Dinge letztes Ende zu sein, wie Sie fürchten. Haß ist blind, und wenn ein Blinder Amok läuft, ist er bald am Ende. Erinnern Sie sich nur, wie vor zirka acht Jahren in Deutschland der Haßgesang gegen England erscholl? Heute regiert der Haß gegen Frankreich die Stunde. Und so geht der Zeiger des Hasses rund, bis er die richtige Stunde zeigt oder die Uhr steht, bis sie wieder aufgezogen wird. Gewöhnen Sie sich doch, hochverehrte Freundin, wie ich Ihnen schon immer riet, die Dinge vom Maxs aus zu betrachten. Damit Sie sie im richtigen Verhältnis zu einander und darum in ihrer richtigen Größe oder Kleinheit erblicken. Es war schon oft anders und besser und es wird auch wieder anders und besser werden. Es fehlte nicht viel, so hätte ich Ihnen das Trostwort vom Regen und Sonnenschein zitiert.
Wie ich zu dieser Aufmunterungspredigt komme?
Nun, eben fiel mir ein Büchlein in die Hände, das ich kürzlich in Paris an den Quais für ein paar Sous erstanden hatte. Es ist von Jean Ajalbert, aus dem Jahr 1894, und heißt «Notes sur Berlin». Das war 24 Jahre nach dem Jahr des Unheils für Frankreich, und ich dachte mir, es sei interessant, ein solches Buch vier Jahre nach dem Jahr des Triumphes zu lesen.
Jean Ajalbert erzählt, wie er damals in Berlin ankam, wie am Bahnhof ein Angestellter ihm eine Blechmarke aushändigte mit der Nummer der Droschke, die ihn zum Kaiserhof fahren sollte, wie an dieser Droschke einer jener „Zähler“ angebracht war, dessen Einführung in Paris immer noch nicht gelungen war, weshalb sich die Pariser Kutscher beständig mit den Fahrgästen schimpften und viele jährlich streikten. Das war allerdings noch im vorigen Jahrhundert.
Am selben Nachmittag ging Jean Ajalbert mit seinen Begleitern zu einer Aufführung der Jungfrau von Orleans“ ins Berliner Theater. Ich ihm das Wort:
„Schiller, Die Jungfrau von Orleans, war an die Säule angeschlagen.
Indes, im Berliner Theater angelangt, glaubten wir, uns geirrt zu haben.
Niemand am Eingang, auf dem Trottoir, niemand an der Kontrolle.
Wir geben unsere Karten hinein.
Jemand kommt, entschuldigt sich, daß er uns nichts Besseres zur Verfügung stellen kann, als die @ tionsloge, alles ist vergeben, alles .... es ist @ gewöhnliche Vorstellung .... und man führt @ unsere Plätze. ....
(Unterwegs in den Gängen können wir u@ Gedankens nicht erwehren, daß in einem äh@ Fall neunzehn von zwanzig unserer liebenswü@ Theatersekretäre in Paris sich mit dem ü@ „Unmöglich, bedaure unendlich!“ begnügt hätt@
Eine außergewöhnliche Vorstellung, jawohl@ „Jungfrau von Orleans“, vor fünfzehnhunde@ zweitausend preußischen jungen Mädchen von @ fünfzehn Jahren, eine Klassikermatinee, ich wei@ mehr aus welchem Anlaß. ....
Das also läßt der „Erbfeind“ vor seinen K@ spielen: Die glorreichste, reinste französische @ landslegende - gefeiert durch den deutschen @
Unsre Jeanne d’Are ist es, der alle diese K@ hände Beifall klatschen; an dem Glauben, @ Hoffnungen, den Ängsten, dem Sieg. der Nied@ unseres guten Lothringens entzündet sich die @ Phantasie der preußischen Backfische.
Nein, der Rassenhaß kann nicht in Seelen @ die mit solcher Saar bestellt sind, die Völker, @ heller erleuchtet durch die strahlende Fa@ Genius, müssen schließlich durch die Finstern@ Barbarei zum Lichte dringen.
Nein, keines dieser Blondinchen, die sich @ nachmittags im Berliner Theater begeisterten, @ den „Erbfeind“ gebären.
Mehr und mehr sind die sich folgenden Gesch@ dort oder hier, dazu bestimmt, ineinander @ schmelzen, in der Gemeinschaft der Philosoph@ Wissenschaft, in einem einzigen Vaterland, @ zur ganzen Menschheit erweitert.“
So Jean Ajalbert.
Sie werden mir sagen, hochverehrte Freun@ im August 1914 die Söhne jener Berliner B@ von 1894 grade zwanzig Jahre alt waren @ „dem Schwert“ in der Hand den Pariser I@ Lügen straften. (Warum reden sie immer @ Schwert, da doch nur noch geschossen wird?)
Ich kann mir nicht helfen, ich gebe im @ Jean Ajalbert recht gegen die Hanswurste des @ die die Welt mit ihren Grimassen und Zu@ nicht zur Ruhe kommen lassen.