Original

28. Februar 1923

Ein Traum verspann mich in ein Geschehnjs, bei dem ich als leidenschaftlicher Sammler - der ich im Leben gar nicht bin - einem seltenen Stück nachjagte. So kam ich dazu, über die Sammlerpsyche nachzudenken.

War ich früher geneigt, die Sammelwut überlegen zu belächeln, so flößt sie mir heute große Achtung ein. Sogar, wenn sie sich in der Richtung auf Pfeifenköpfe oder Spazierstöcke betätigt. Es kann nicht jeder kostbare Gemmen oder Miniaturen oder Kravattennadeln und Siegelringe sammeln.

Der Mensch ohne Sammlerleidenschaft, ist die Muschel ohne Perle. Ich bin so weit, daß ich für jeden Sammler Respekt und Zuneigung empfinde und etwas darum gäbe, ihn über seine Schätze reden zu hören. Er ist der Mensch, der noch innig und leidenschaftlich zu lieben vermag. Denn sein Verhältnis zu seiner Sammlung ist wirkliche Liebe. Nicht die sordide Liebe des Geizhalses zu seinen Goldfüchsen. Es ist eine Liebe, die nicht durch den Markt- oder Kaufwert des geliebten Wesens bestimmt wird. Dies kann für den Hundertsten, der an ihm vorbei geht, ohne jeden Wert sein abgesehen von dem Tagespreis des Rohmaterials. Der Sammler aber streichelt es mit Blicken und Händen und träumt von ihm und würde sich die Haare raufen, wenn es ihm abhanden käme. Ist das nicht das Wesen der wahren Liebe, daß sie dem Liebenden das Geliebte aus der übrigen Schöpfung heraushebt und es mit einem Glanz umgibt, der ihn für die Umgebung blind macht? In diesem Sinn, wenn auch vielleicht nicht immer so jugendlich erglühend, liebt der Sammler seine Schätze. Und daß er solcher Liebe fähig ist mitten im Utilitarismus der heutigen Welt, das soll ihn uns lieb und wert machen.

Dieser menschlich besondere Wert des Sammlers steigt natürlich in dem Maße, wie sich seine Liebhaberei auf höherwertige Objekte e streckt und die kommerzielle Ausschlachtung in den Hintergrund rückt. Das Briefmarkensammeln z. B. hat schon längst aufgehört, zu den schönen alten Sammlerliebhabereien zu gehören. Es ist zur Spekulation und zum Börsengeschäft geworden.

Aber ich habe einen Freund, der altes Porzellan und Steingut sammelt, darunter die Figur, die an unserer Mosel als Bacchus auf dem Faß bekannt ist. Er besitzt sie von der primitivsten Variante bis zur letzten Form, die auf den Markt kam. Der ist Sammler nach der edeln alten Überlieferung. Ich kann mir die Freude ausmalen, mit der er jeweilig ein neues Exemplar irgendwo entdeckte, und was er dann alles aufbot, um es in seinen Besitz zu bekommen. Denn das Sammeln, das einfach auf protziges Bieten und Überbieten herauskommt, ist keine Kunstübung. Solche Sammler sollten boykottiert werden, sie verschandeln die ganze Front.

Denkt Euch hingegen z. B. jemand, der schöne alte Spazierstöcke oder Schnupftabaksdosen oder Taschenuhren sammelt: Steht er nicht in beständiger Verbindung mit den früheren Besitzern und der Zeit, in der sie lebten? Dieses leidenschaftlich intime Eingehen auf ein Winziges der Kulturformen, auf eine Verästelung in einer Geschmacksrichtung, dieses liebevolle Spezialisieren ist es, was den Sammler innerlich bereichert. Er ist wie der Zuhörer im Konzert, der auf ein bestimmtes Instrument im Orchester hinhorcht und dem dadurch der ganze Zauber und Reichtum der Orchestrierung viel eindringlicher aufgeht, als dem, der nur genießerisch auf das Ganze lauscht.

Diesem Sammler werden hinter seinen einzelnen Stücken die dazu gehörigen Menschen lebendig, er tritt in lebendige Zusammenhänge mit der Vergangenheit, der Verkehr mit den Toten wird ihm - ich möchte fast sagen ein größerer Gewinn, als der mit den Lebenden, weil ihn jene nicht mit dem unwesentlichen Drum und Dran des Lebens angehen, sondern ihn als malerische, merkwürdig detaillierte Kulturparadigmen umgeben; denn jeder ist einem besondern Stück entsprechend eine besondere Individualität, hat seinen Namen und seine Lebens- und Schicksalsvarianten.

So nun ein Sammler zum Sterben kommt, soll er seine Sammlung in Bausch und Bogen einem Erben oder einem Museum vermachen?

Ach nein! Er soll in sein Testament schreiben, daß sie in alle Welt zerstreut, in allen Kulturstätten der alten und neuen Welt unter den Hammer kommen soll, damit immer wieder andere Sammler sich daran freuen, damit aus ihren Atomen immer wieder neue Ganze entstehen können.

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    Katalognummer BW-AK-011-2345