Der «Cercle dramatique» von Differdingen gibt am Sonntag, 4. März, und am Samstag, 10. März, je eine Aufführung der luxemburgischen Operette „’t Wonner ou Spe’ßbech“, zum Besten der Ferienkolonien, unter Mitwirkung von Differdinger Damen und Herren, eines Liebhaberorchesters, der Harmonie Municipale und der Feuerwehr der Hadir, im Ganzen achtzig Personen.
Für Dilettanten will das etwas heißen. Aber die Differdinger sind dafür bekannt, daß sie auch große Aufgaben zu bewältigen imstande sind.
Es handelt sich außerdem um ein gutes Werk, und da möchte ich zur Feier des Tages die Geschichte der Operette erzählen.
Habent sua fata libretti.
Auch Operntexte haben ihr Erlebtes.
Es war in den Jahren, da Peter Federspiel am Dicks-Lentz-Denkmal arbeitete. Wir waren eines Tages zusammen mit dem fidelen Grafen WolffMetternich, im Volksmund auch Wolff-Schmetterling genannt, bei Lexi Brasseur eingeladen. Der Graf trug sich damals mit der Idee, ein Operntextbuch zu dichten, das sein Freund Goldmark komponieren sollte. In der Hauptszene sollte die Tochter Karls des Großen den Geliebten, der sie nächtens besucht hatte, auf dem Rücken über den Schloßhof hinaustragen, weil inzwischen Schnee gefallen war und die Wache die Fußspuren des Ritters nicht sehen durfte.
Die Rede ging darüber hin und her und es fiel das verwegene Wort, daß man solches Textbuch auf ein gegebenes Stichwort müsse erfinden und verfassen können. Und da Peter Federspiel zu den Gästen gehörte und sein Werk damals im Mittelpunkt des Interesses stand, gab Graf Metternich das Stichwort „Denkmal“.
Vierzehn Tage später war das Libretto fertig, und zwar auf deutsch, unter dem Titel „Ghitta“. Die Heldin hieß Maud Parker und stellte sich als Ghitta Gärtner vor. Der heutige Hanepe’p ist aus einem ursprunglichen Piepmann entstanden. Spe’ßbech war in der deutschen Fassung die Zwillingsortschaft Kispelheim und Mispelheim, wobei es Ihnen frei steht, an Keispelt und Meispelt zu denken.
Das fertige Manuskript trat seine Rundreise bei den Verlegern an. Von Langen in München kam es zurück mit der Bemerkung, diese Operette sei schon eher ein Lustspiel. Mein Freund Paul Brück aus Paris brachte es in Köln bei Gebr. Ahn so weit unter, es sollte noch über die Bedingungen verhandelt werden, als die Firma liquidierte und ihre Geschäfte von Bloch Erben, Berlin, übernommen wurden. Bei dem Übergang geriet das Manuskript ins Hintertreffen und es kostete nicht wenig Mühe, es zurückzuerlangen. Kurz vor dem Krieg äußerte Fernand Mertens eines Abends nach einer Operettenaufführung im Luxemburger Stadttheater den Wunsch, sich auch einmal an einem modernen Textbuch zu versuchen. Auf die deutsche Fassung von „Ghitta“ hat er dann einzelne Weisen komponiert. Die prachtvoll pathetische Arie im dritten Akt: „Wo’ ech gin a wo’ ech stin“ ist aus einer Kantate entnommen, mit der Mertens bei der Bewerbung um den Rompreis in Belgien ein Staatssubsid davongetragen hatte.
Die luxemburgische Fassung mit dem heutigen Titel entstand im Anfang des Kriegs, wo an ein Herauskommen in Deutschland nicht mehr zu denken war. Die Proben begannen im Juni 1915 auf der Bühne des Pôle Nord und schleppten sich mühsam und stimmungslos hin. Erst als die Sache aus dem Groben herausgearbeitet war und die erste Probe auf der Bühne des Stadttheaters abgehalten wurde, kam Zug hinein, hauptsächlich weil erst von da ab die Darstellerin der Titelrolle aus sich herauszugehen begann. Bis dahin hatte sie, wie man auf luxemburgisch sagt, „geflemmst“. Am Montag, 12. Juli 1915, fand die Urausführung in Luxemburg statt mit Hermine Gerlach, Alphons Düsseldorf, August Donnen, Milly Henkes in den Hauptrollen. Professor Gustav Simon war als Regisseur an dem Erfolg in hervorragendem Maße beteiligt, Marcel Walens hatte ein künstlerisches Plakat gezeichnet, das als Muster der Gattung anzusprechen war.
Es wäre um die Mertens’sche Musik schade gewesen, wenn sie ihre Laufbahn nach den paar luxemburger Aufführungen im Pult des Komponisten hätte beschließen müssen. Also wurde einem Brüsseler Librettisten die Übersetzung des Textbuches anvertraut mit der Aufgabe, es auf dortige Verhältnisse zuzuschneiden. Statt dessen hat er den sonderbaren Einfall gehabt, das Inkognito, von dem das Interesse bis zum Schluß leben soll, schon gleich am Anfang zu lüften. Ob das Stück dadurch besser oder schlechter geworden ist, bleibt fraglich.
Es hieß auf französisch zuerst «Le Miracle de la Mare-aux-Oies» und wurde unter diesem Titel von einem Brüsseler Ensemble in Luxemburg gegeben. Vorigen Winter erlebte es an der «Gaîté» in Brüssel etwa ein Dutzend, in Lüttich zirka acht Aufführungen, wobei der Titel wiederum in «Le Miracle de la Mare-au-Pré» abgeändert worden war, Gott weiß warum. Und nun findet es im alten Gewand und unter seinem alten Namen wieder heim.
Mögen in Differdingen die Mertens’schen Weisen einschlagen, wie überall, und sich zum Besten der Ferienkolonien in möglichst hohe Haufen von Hundertfrancscheinen umsetzen!