Original

27. Februar 1926

Die letzte Donnerstagsnummer der „Basler Nachrichten“ enthält eine Meldung, die geeignet ist, unser Land und Umgebung mit Entsetzen zu erfüllen.

Unter einem Bild von Vianden lesen wir: „Das malerische Fleckchen Vianden, an der deutsch-luxemburgischen Grenze, das gänzlich verschwinden wird, um dem Riesen-Eifelkraftwerk Platz zu machen.“

Und weiter: „An der deutsch-luxemburgischen Grenze wird im Frühjahr der Bau des gegenwärtig größten Riesen-Kraftwerkes in Angriff genommen. Das Werk wird in sieben Jahren erst vollendet werden. Etwa 4000 Arbeiter werden dabei Beschäftigung finden. Die erste Sperrmauer wird im Ourtal oberhalb der Ortschaft Vianden gebaut und wird am Fuß eine Breite von 86 Meter bei einer Länge von 580 Meter erhalten. Bei diesem Mauerwerk werden etwa 150 000 Tonnen Zement erforderlich sein. Die Wassermengen, die gestaut werden können, betragen etwa 800 Millionen Kubikmeter und reichen etwa 28 Kilometer in das Ourtal und 14 Kilometer in das Irsetal hinein. Eine zweite Staumauer wird unterhalb Vianden gebaut. Durch alle diese Bauten werden die kleinen Ortschaften auf deutschem und auf luxemburgischem Gebiet verschwinden. Das Eifel-Kraftwerk wird eine Maschinenleistung von 820 000 Pferdekräften oder 600 000 Kilowatt haben. Das Ourwerk wird an Stromleistung etwa 4 Milliarden Kilowattstunden. also die Hälfte des gesamten deutschen Stromverbrauches übernehmen können. Die Gesamtkosten des Riesenwerkes dürften sich auf 120 Millionen Mark stellen. Dieses Riesen-Kraftwerk, das größte Europas, wird in der deutschen Wirtschaft eine bedeutende Rolle spielen.“

Sofort nachdem diese Nachricht bekannt geworden war, bemächtigte sich Cook’s Reisebüro der Sensation und organisierte für nächsten Sommer ganze Karawanenzüge nach Vianden. (Näheres durch den Direktor des Luxemburger Reisebüros, Herrn Zita.) Der Fremdenstrom wird die nächsten Jahre hindurch nicht abreißen. Denn nicht wahr, wer wird nicht eine Stadt sehen wollen, die demnächst vom Erdboden verschwinden, langsam, zentimeterweise ersäuft werden soll?

Sprachforscher wollen ihr Schicksal schon aus ihrem Namen deuten: Vianden - Vineta. Schliep hat Stärkeres gekonnt. Keiner der zahlreichen Luxemburger, die niemals das Stammschloß der Oranier gesehen, wird verfehlen, das Versäumte nachzuholen, ehe es zu spät ist. Und erst die Tausende von Viandenern, die draußen in der Welt zerstreut sind, vom Feydesch Fritz, der humorvollen Soloposaune, bis zum heimlichen Goldgräber-Millionär in Alaskal Alle werden, wenn sie diese Kunde erreicht einen Sprung tun und ausrufen: „Oah nään!“ Und sich auf Bahn und Schiff setzen, um noch ein letztes Mal den treuen alten Bommezinnes (mit der Eisenstange im Rücken) auf dem Brückengeländer zu umarmen, einen, letzten Humpen auf der Terrasse des Café du Pont, senkrecht über der rauschenden Our zu trinken, ein letztes Mal durch die Straßen zu wandern, in denen sie jung waren.

Wir hatten uns schon in die Versenkung von Stolzemburg. Rodershausen, Gemünd ergeben, hatten schon der Biewelser Mühle, ihren flutenumrauschten Raseninselchen, ihrem breitbrausenden Wehr, ihren blühenden Apfelbäumen, den ginstervergoldeten Hängen am Weg wehmütig Lebewohl gesagt und gemeint, damit seien der Opfer genug gebracht für die deutsche Wirtschaft. Und nun wollen sie auch Vianden unter Wasser setzen, die Perle des Großherzogtums, womöglich bis über die höchste Giebelspitze des Schlosses hinaus! Da gehen wir nicht mehr mit, da dreht sich uns das Herz im Leib herum und tief in unsern lateinischen Zitatenschatz greifend rufen wir mit dem Aufgebot aller uns zur Verfügung stehenden Energie: Quousque tandem Catilina abutere patientia nostra u. s. w.

Und wir hoffen, daß aus der Viandener Bürgerschaft heraus sich eine Opposition auf Leben und Tod gegen ihre langsame. Ersäufung erheben, und daß die Viandener Feuerwehr in geschlossener Phalanx als Wasserwehr gegen dies männermordende Beginnen der deutschen Talsperrer aufstehen wird.

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    Katalognummer BW-AK-014-3116