Als ich das letzte Mal in Vianden war, ging ich von der Biewelser Mühle den Pfad nach dem Bildchen hinauf. Erst führte der Pfad an einem Bergbächlein vorbei, das sich munter zutal plauderte, dann plauderten drei bis vier junge Mädchen an mir vorüber, die so munter waren, wie der Bach, trotzdem sie sich die Nacht vorher tanzend um die Ohren geschlagen und allerlei Faschingsunsinn getrieben haben mochten. Aber Bergbächlein und junge Dinger haben das gemein, daß sie vom Springen und Plaudern immer munterer werden.
Nun stand ich oben an der niedrigen Brüstungsmauer hinter der Bildchenkapelle und es gehörte nur ein ganz klein wenig Einbildung dazu, so kam ich mir vor, als schwebte ich über der Landschaft in einem Fesselballon. Das hat dies herrliche Ourtal um Vianden vor allen den schönsten Punkten des Landes voraus: die Höhe und Steile, die Indenhimmelgehobenheit.
Ich sah im Taleinschnitt als Abschluß des Bildes Schloß Falkenstein liegen, wenn es klingen könnte, klänge es wie ein süßes altes Volkslied zur Laute eines verträumten jungen Wandervogelmädels von heute. Die Talwände drüben schossen jäh aus der Tiefe herauf, und hinter ihrem Scheitel waren seit Monaten viele Arbeiter mit Hacke und Karren dabei, dem künftigen Sanatorium das Terrain zu ebnen. Und ich vermeinte, ein Dreigespräch zu hören zwischen dem alten Schloß, dem werdenden Sanatorium und der geplanten Talsperre.
Das Schloß sagte: Ich war zu meiner Zeit ein Sitz der Macht über die Lande ringsum. In mir wohnten die Höchsten und Stärksten und merket wohl: die Wenigsten. Die unter mir fristeten ihr Leben in Angst und Robott und unfroher Lustigkeit. So war die Welt, als meine Mauern noch ihr schützendes Dach trugen und zwischen ihnen noch die Menschen lebten, deren Wille den andern Gesetz war.
Die Talsperre sagte: Das ist heute alles anders geworden. Die Macht bin ich, die Macht sind die, die mich bauen. Ihr Geist versetzt Berge und leitet Ströme um, sie luchsen der Natur ihre Kräfte ab und lassen den lieben Herrgott durch solche Kräfte in Wahrheit die Welt regieren. Denn in ihnen wirken seine Gesetze, die Ihr zu Eurer Zeit nicht erkanntet. Ihr proklamiertet ihn als den Allmächtigen und wußtet nicht, warum. Macht er auf Allmacht Anspruch, gut, so soll er uns seine Kraft beweisen und uns erlauben, damit unsere Maschinen zu treiben. Die Macht ist von dir, dem zersallenen Fürstensitz, durch den Witz meiner Erbauer ins Tal geglitten und Gemeingut für alle geworden, damit sich alle daran wärmen und erleuchten und entlasten.
Da sagte das Sanatorium: Es ist ein Glück, daß es so gekommen ist. Denn seht, die unter meinem Dache Heilung suchen, die waren die Macht und die Kraft der Welt, die hielten mit ihren Händen das komplizierte Räderwerk der Wirtschaft und Kultur in Gang, bis sie davon siech wurden und bei mir Zuflucht suchen mußten. Heil dir, o Talsperre, daß du die Last von ihren Schultern nehmen und sie der Allmutter Natur aufhalsen willst, die keine Schmerzen und kein Leid empfindet! Die Wasser des Himmels und der Erde sollen in ihrem ewigen Kreislauf zum Perpetuum mobile werden, wie es der gute Dicks drüben Zeit seines Lebens erträumte. Aber sorgt dann auch dafür, daß die Wasser, die ihr zur Arbeit zwingt, nicht krank werden, wie die Menschen, krank wie die Wasser der Wiltz, in denen die Fische krepieren und die das Gras der Wiesen vergiften. Baut Sanatorien für die kranken Wässer, wie für die kranken Menschen, sonst geht am Ende die Welt an Auto-Intoxikation zugrunde!
Ich ließ die drei reden und stieg zutal und setzte mich zu meinem Wirt Picar’sch Mathi und ließ mir von ihm erzählen, wie ihm der Prinz Heinrich einmal vor langen Jahren fünfundzwanzig Franken durch Postanweisung schickte, weil er zu seinem allerhöchsten Besuch auf den Turm geklettert war, um die Fahnen herauszustecken.